Die Steuern und die Volkswirtschaft. Der Staatsschah.
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109. Der Staatsschatz und der Staatskredit. Auch wo die Stcuer-erträgnisse sehr anwuchsen, auch wo sie eine von Jahr zu Jahr je dem Bedürfnisse sichanpassende Beweglichkeit erreicht hatten, blieb die Thatsache bestehen, daß der Staatsbedarfvon Jahr zu Jahr durch Kriege, große Kalamitäten, durch staatliche Neuerwerbungen,durch notwendige Bauten und Befestigungen nicht bloß ums Doppelte, unter Umständenums Drei- und Mehrfache schwankte. Mochte man noch so sehr dahin streben, denJahresbedarf gleich hoch zu halten, es lag in seiner Natur, daß dies unmöglich war.Wir sehen daher schon in alten Zeiten, daß das hochentwickelte Staatswesen den Staats-schatz voraussetzt: Pcrikles hatte zur Zeit, als das attische Staatseinkommen 1000 Talentebetrug, 800V Talente auf der Akropolis angesammelt; von den Lagiden berichtet Lumbroso,daß ihr Schatz bis zu 740 000 Talenten angewachsen sei; Tiberius soll nach seinerhabsüchtigen Regierung 567 Mill. heutige Mark hinterlassen haben. Alle mittelalter-lichen Fürsten, die gute, sparsame Finanzleute waren, sammelten einen „Borrat",Heinrich VII. hinterließ 2 Mill. F im Schatze, Friedrich Wilhelm I. über 10,Friedrich II. 54 Mill. Thaler im Staatsschatze; noch heute hat das Deutsche Reicheinen solchen von l20 Mill. Mark. Aber es ist klar, daß jede solche Ansammlunggroße Schwierigkeiten hat, nur einer besonders sparsamen und geordneten oder glücklichenVerwaltung gelingt, daß die kurzsichtigen Interessen des Tages solcher Weit- und Vor-sicht sich stets widersetzen. Das private Kapital war immer dem Staatsschatz abgeneigt,da er ihm die Wahrscheinlichkeit nahm, in Zeiten des Kriegsausbruches ungeheure Wucher-prozente zu verdienen. Die Erfahrungsthatsache, daß die Finanzwirtschaft mit einemSchatze den übrigen ohne solchen immer weit überlegen war, konnte nicht hindern, daßdie meisten Regierungen den plötzlich ansteigenden Anforderungen der Kriegs- und Notzeitdoch meist rat- und Hülflos gegenüberstanden. Wo der Staat bereits eine leidlich großeMünzprägung übernommen hatte, konnte er sich durch Münzverschlechterungen helfen;und das ist denn auch bis ins vorige Jahrhundert allgemein geschehen, zum größtenSchaden der Volkswirtschaft, die durch die Ausgabe des zu leichten Geldes und durchdie notwendige spätere Wiedereinziehung desselben in bedenkliche, teilweise gefährlicheKrisen gestürzt wurde. In neuerer Zeit ist an die Stelle der Münzverschlechtcrung dieübermäßige Papiergeldausgabe mit ähnlichen Folgen getreten.
In dem Maße, wie der Kredit sich entwickelte, konnten Fürsten und Regierungensich durch Kapitalaufnahme gegen Zinszahlung in solcher Zeit helfen. Die Fürsten begannen zur selben Zeit wie die Städte, wie schon erwähnt, ihren Kredit auszunutzen,ihre Domänen und Zölle zu versetzen; viele waren auch im 16. Jahrhundert vollständigüberschuldet. Aber die meisten fanden damals überhaupt nicht so leicht und so vielKredit wie die Städte. Erst als im 17. und 18. Jahrhundert Holland, England undFrankreich, das Vorbild Venedigs, Genuas, Florenz ' und des Papstes nachahmend, anStelle der einzelnen kleinen, in privater Form abgeschlossenen Schuldvcrträge neuerechtliche Formen der Staatsanlehen mit gesicherter Zinszahlung, mit leicht übertrag-baren, gleichlautenden Urkunden ausbildeten, als die steigende Kapitalbildung der reichstenLänder diesen wie ihren Bundes- und Schutzgenossen die Möglichkeit eröffnete, raschMillionen auf dem Kapitalmarkte aufzutreiben, wurden die Staatsschulden, ihre Ver-zinsung und Abzahlung zu einem der Hauptstücke jeder großen modernisierten Finanz-wirtschaft. Den reicheren Staaten wurden damit ungeheure Leistungen in der Politik,der Eroberung, der Kriegführung, wie in der Ausführung von Straßen- und Eisenbahn-bauten, in der Milderung von Notständen möglich; die ärmeren zerrütteten damit ihrenHaushalt für Generationen, gerieten in weitgehende Abhängigkeit vom Auslande, konntenvielfach sich zuletzt nicht anders helfen als durch den Gewaltstreich des Staatsbankcrottes.So ist es natürlich, daß die einen den Staatskredit übermäßig priesen, die anderenihn über die Gebühr verdammten. Es versteht sich, daß das Wachsen der Staatsschuldenetwas anderes ist in einem reichen als in einem armen Lande, in einem Staate, derdie Steuern entsprechend erhöht oder der sie unvermindert läßt, in einem Gemeinwesen,das damit Kriege führt, oder das damit Eisenbahnen baut. Großbritannien gab Mil-lionen F für Zinsen und Tilgung aus: 1701 1,s, 1784 9,?, 1815 32,«, 1856 27,«,