310
Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft,
1336 23; cs hat also verstanden, seit 1315 seine Schulden zu vermindern. Frankreich hatte schon 1773 1700 Mill. Livres Schulden, machte dann wiederholt Bankerott;1851 hatte es 5345 Mill., 1869 8782, 1837 21 539 Mill. Francs Schulden;Preußens Staatsschuld betrug 1797 134, 1820 644, 1848 475, 1866 770, 1889—904457 Mill. Mark. Nach den Berechnungen Heckels über den neuesten Stand (1897—98)betrug in Millionen Mark
Rri.^^i-k der Überschuß der der Überschußsi r V ^ privatwirtschaftlichen beträgt Prozente dessur Verzinsung Staatseinnahme Bruttobedarfes
- Rußland 623,« 266,i 42,s-z
- Preußen 279,8 473,o 169,2.
Wenn die größeren europäischen Staaten heute 12—38 °/o ihrer Einkünfte fürdie Staatsschulden nötig haben, wenn von dem Gesamtbeträge der 55 669 Mill. MarkEffekten, die 1888 an der Berliner Börse notiert wurden, 37 653 auf Staats- undStädteanleihen kamen, wenn man die sämtlichen europäischen Staatsschulden 1865—66aus V6 013, 1885—86 auf 100 431 Mill. Mark schätzte (Kaufmann), so springt ausdiesen Zahlen die außerordentliche Bedeutung der Staatsschulden in die Augen. Undneben der finanziellen ist die volkswirtschaftliche und sociale kaum minder groß. Mitund durch die Staatsschulden haben sich die Banken, die Börsen, die Formen desKrcditverkchrs, hat sich das Lebensversicherungsgeschäft entwickelt; durch die Schwierigkeit,die Anlehcn aufzubringen, ist es den älteren Kreditvermittlern, wie Rothschild , gelungen,ein übcrsürstliches Vermögen zu erwerben. Das ganze Verhältnis der Besitzenden zuden Nichtbcsitzcnden ist durch die Staatsschulden ein anderes geworden. Hätte der Staatstets, statt Schulden zu machen, seine außerordentlichen Bedürfnisse direkt durch Umlagengedeckt, so hätte er das nur mittelst einer hohen Besteuerung der Reicheren aufbringenkönnen. Indem er Anlehen ausnahm, gab er den besitzenden Klassen die Gelegenheitzu großen Kursgewinnen und bequemer Kapitalanlage, steigerte er immer wieder denZinsfuß und damit die Kapitalrente überhaupt; er verzinste nun seinen Gläubigernihre Staatspapierc und deckte das durch Steuern, welche zwar auch die Reicheren, aberneben ihnen die übrige Bevölkerung zahlen. Wären alle Bürger in gleichem BetrageGläubiger des Staates und Steuerzahler, so würde der Staat von jedem so vielSteuern erheben, wie er Zinsen erhält, und die Schuldenverwaltung kostet; die Kostender letzteren wären eine überflüssige Mühe. Man thäte am besten, Steuern und Zinsauf einmal niederzuschlagen (Soetbeer). Nur die Ungleichheit der Teilnahme an Steuerund Zins hindert das. Ohne die großen Staatsschulden würde eine für die unterenKlassen günstigere Einkommensverteilung stattfinden. Und diese Thatsache wird etwasgemildert, nicht aufgehoben, wenn die „Rente demokratisiert" wird, d. h. wenn kleinereStaatsschuldtitel auch bis in die mittleren und unteren Klassen eindringen, hier ganzbesonders als gesicherte Kapitalanlage geschätzt werden.
110. Die Finanzbehörden und die Schwierigkeit aller Finanz-verwaltung und staatlichen Wirtschaft. Die Verwaltung des Staats-vermögens, der Steuern, der Staatsschulden, ebenso die von Staatsbanken, Staats-eisenbahnen, Staatsposten, Staatsschulen zc. ist nur möglich durch ein System einheitlichorganisierter und disciplinierter Kräfte; sie zu schaffen, zu richtiger Funktion zu bringen,war ungemein schwer, wie wir schon einleitend (S. 281) erwähnten. Sie amtieren nicht,wie die Menschen in der Familie aus Zuneigung und Liebe, nicht, wie in der Unter-nehmung aus bloßem Erwerbstricb. Die psychologische Grundlage ist keine so einfache,überall vorhandene, wie dort, sondern eine komplizierte, aus Selbstinteresse, Ehr-, Standcs-und Pflichtgesühl, Sitten- und Rechtstraditionen gemischte. Die staatlichen Behörden undÄmter entstehen langsam, die Finanzbehörden entwickeln sich aus der allgemeinen Amts-,