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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft,
Der einzelne erhält es, ob er so tüchtig ist wie sein Vater oder nicht; er erhält weniger,wenn er mehr Geschwister hat, mehr, wenn er allein ist, Seitenvcrwandte beerbt.Und wie das Erbrecht sür die Eltern das Motiv zur Anstrengung, so kann es für dieKinder der Reichen das zur Faulheit werden. Es treten sich entgegengesetzte Folgenund Überlegungen nun einander gegenüber. Und Sitte und Recht werden hievonbeeinflußt werden, so langsam anch gerade hier veränderte Zustände zu einer Umbildungder Gewohnheiten und Gesetze führen.
Welche Änderungen man auch hier erwarten mag, wie hoch man die Thatsacheeinschätze, daß schlechte und unfähige Kinder ein reiches Erbe ohne Verdienst erhalten,daß der Zufall der Kinderzahl den einen reich, den andern unbemittelt mache, — all'das sind mehr individuelle Zufälle, die aus keiner Gcsellschaftsvcrfassung zu beseitigensind. Im ganzen werden wir für die Fragen der Gesellschaftsordnung nur auf denDurchschnitt ganzer Klassen sehen dürfen. Und thun wir das, so werden wir sagen:so lange die höheren besitzenden Klassen nicht entartet sind, so werden die Kinder durch-schnittlich die Eigenschaften der Eltern haben. So lange also eine gewisse Parallelitätder höheren Eigenschaften und des größeren Besitzes sich im Laufe der Generationenerhält, so lange wird auch das Erbrecht der Kinder innerlich berechtigt sein. DiesesErbrecht wird Segen stiften, so lange es zum Instrument wird, um höhere persönlicheEigenschaften bestimmter socialer Gruppen sür längere Zeit zu erhalten, ja sie zu steigern.Wo der große Grundbesitz ausgezeichnete Staatsmänner und Generale, tüchtige unabhängigeLokalbeamtc und Vertreter des landwirtschaftlichen Fortschritts erzieht, wo der mittlereGrundbesitz einen gesunden Bauernstand erhält, da erscheint auch die durch Jahrhunderteerhaltene ungleiche Grundeigentumsverteilnng Als ein berechtigtes Mittel aristokratischerGesellschaftsglicderung und Erhaltung eines breiten Mittelstandes. Und wo das inden Händen von Kaufleuten, Bankiers und Unternehmern sich sammelnde Kapitalüberwiegend die Grundlage für ein gesittetes Bürgertum, der Anlaß zu kühner Auf-suchung neuer Handelswcge, zur Anbahnung technischer Fortschritte, zur Begründungneuer Industrien wird, da wird die Erhaltung erheblicher Vermögen in denselbenFamilien segensreicher fürs Ganze sein, als wenn alles neu ersparte Kapital stets sofortgleichmäßig unter alle Bürger verteilt würde.
Das Erbrecht wird so das Mittel, eine bestehende ungleiche Grundbesitz- undüberhaupt jede Bcsitzvcrteilung zu erhalten, unter Umständen auch sie zu steigern,zumal wenn einzelne Kinder bevorzugt werden, oder die höheren Klassen nur einegeringe Kinderzahl haben. Es können dadurch auch die Klassengegensätze sich verschärfen,wenn z. B. der Grundbesitz sehr an Wert steigt, die Pächter oder Bauern gegenüberdeu Eigentümern und Grundherren in schlechtere Lage kommen. Aber das Erbrechtschafft nicht die ungleiche Besitzverteilung; es erleichtert nur einzelnen die wirtschaft-liche Existenz und damit auch die Anhäufung von Besitz. Und es fragt sich nun, wieim Laufe der Generationen die persönlichen Eigenschaften der Besitzenden zu der Größeihres Besitzes sich stellen, welchen Gebrauch sie davon machen, ob zumal da, wo immergrößerer Besitz sich in wenigen Händen anhäuft, die Leistungen, Fähigkeiten und Tugendenentsprechende sind. Es kommt da ganz aus die Erziehung in den höheren Klassen,auf deren geistig-moralische Entwickelung an. Jede ältere Besitzaristokratie ist derVersuchung ausgesetzt, sich dem Luxus, dem individuellen Lebensgenuß, den Lastern desvornehmen Lebens zu ergeben, nicht mehr zu arbeiten und auf das stolze Vorrechtder Initiative zu verzichten. Erst sind es einzelne ihrer mißratenen Söhne, oft baldauch der Durchschnitt derselben, der so hcrabsinkt, die alten Fähigkeiten und damit dieFührung des Volkes verliert. Und doch sind ihre Glieder oft gerade in solcher Zeitin der Lage, durch geminderte Eheschließung und Kinderzahl, Geldheiraten und Erbrechtgrößere Vermögen zu sammeln. Die persönlichen Eigenschaften sinkender Aristokratiensind es, welche die wichtigste Ursache revolutionärer, kommunistischer Bewegungendarstellen. Und daß alle Aristokratien, am frühesten die exklusiv nach unten sichabschließenden, mit der Zeit der Gefahr der Erschöpfung, der Entartung erliegen, wirdsich nicht leugnen lassen.