Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Die verschiedenen Eigentumsthcorieii,

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richtungen der Zeit an; alle selbstischen und alle sympathischen Motive menschlichenLebens wirken da mit, bei der Ausbildung der individuellen Sphäre mehr die selbstischen,bei den gemeinschaftlichen mehr die höheren Gefühle.

In dem Maße, wie in dieses Spiel der Motive und Interessen denkende Betrach-tung eingriff, haben führende Geister einzelne der mitwirkenden Motive, Gedanken-und Erscheinungsreihen herausgegriffen und aus ihnen sogenannte Eigcntumgsthcoricngeschaffen, die alle den Zweck verfolgten, mit einer einheitlichen Formel das Wesen desEigentums historisch und begrifflich zu erklären und meist zugleich ein bestimmtes Idealder Eigentumsordnung aufzustellen. In dem Maße, wie solche Theorien das Glaubens-bekenntnis ganzer Schulen, Klassen und Parteien wurden, haben sie auf das praktischeLeben wieder maßgebend zurückgewirkt. Über die ursprünglichen Motive aber und diegeschichtlichen Prozesse, welche das Eigentum schufen und umgestalteten, waren diemeisten dieser Eigentumstheoretiker wenig unterrichtet; sie verlegten ihre Gedanken unddie vorherrschenden Motive ihrer Zeit in die Epoche der Entstehung des Eigentums.

Aber alle diese Theorien sind als historische Produkte ihrer Zeit, als Fermentefür die Weiterbildung des Eigentums von Bedeutung. Sie zerfallen der Tendenz nachwie alle derartigen Theorien über staatliche und wirtschaftliche Einrichtungen in eineindividualistische und eine centralistifche Gruppe; der Motivierung nach knüpfen sieteils mehr an die materiellen Vorgänge und Thatsachen , teils mehr an die Formenund Entstehungsgründe des Rechtes überhaupt an. Zu allen Zeiten haben dieverschiedenen Theorien neben einander bestanden; nur findet je nach den Zeitverhältnissenund Zuständen bald die eine, bald die andere mehr Anhänger.

An der Spitze der individualistischen Eigentumstheorien stehen dieder urgcschichtlichen Wortbildungen, die uns O. Schrader aus der indogermanischenSprachwelt vorführt. Wir fehen, daß schon in den ältesten Zeiten das werdendeEigentum bezeichnet wurde als dasBesessene, Innegehabte, Erarbeitete, Erlangte,Erbeutete, Überlassene, dann als das Verborgene, das mit der Hand Ergriffene, das derGewalt Untergebene, das zum Leben Gehörige". An ähnliche Vorstellungen knüpfendie späteren individualistischen Theorien überwiegend an. Die von A. Wagner sogenanntenatürliche Eigentumstheorie, als deren Hauptvertreter Fichte, Krause, Hegel, Stahl,Trendelenburg genannt werden können, geht davon aus, daß individuelles EigentumVoraussetzung der Entwickelung der Persönlichkeit und daher gerechtfertigt sei. Dieseman sich ganz richtigen Gedanken wird entgegnet: der Pächter, der auf fremdem Boden,der Arbeiter, der an fremder Maschine fremden Rohstoff bearbeite, entwickele trotzdemseine Persönlichkeit, also passe die Theorie nicht auf den Boden und nicht auf dasKapital; foweit der Satz zutreffe, beweise er nur, wie falsch das Eigentum heuteverteilt fei, indem einzelne zu viel, andere zu wenig Eigentum zu einer sittlich-individuellen Entwickelung hätten.

Die von A. Wagner als natürlich-ökonomische bezeichnete Theorie, die aufNationalökonomen wie Mill und Röscher zurückgeht, erklärt das individuelle Eigentumfür notwendig, um Fleiß, Sparsamkeit, Kapitalbildung zu erzeugen. Sie bezeichnetpsychologisch zutreffend eine der fundamentalen Voraussetzungen unserer ganzen Kultur-entwickelung und unserer heutigen Volkswirtschaft, aber sie erklärt und rechtfertigt nichtjedes bestehende Privateigentum, sie ignoriert alles Gemeinschaftseigentum.

Die römischrcchtliche Occupationstheorie, die alles individuelle Eigentum aus einemindividuellen Willensakt ableitet, ist für das ursprünglich meist durch sociale Gemein-schaften occupierte und verteilte Grundeigentum, und vielfach auch für alle spätereEigentumsverteilung gänzlich falsch; sie stammt aus den kriegerischen BeuteerinnerungenVon Männern, die nach Gajus maxims sua esse oröäsvaut, c>uas ex kostidus oepisseut.Viel richtiger erfaßt die von den Niederländern und Locke ausgestellte, von vielenNationalökonomen angenommene Arbeitstheorie das Problem. Daß, was ich mit meinerHand geschaffen, mir mehr gehört als anderen, ist eine so evidente Wahrheit, daß siestets dem natürlichen Gefühl sich aufdrängen mußte. Aber in einer kompliziert zusammen-wirkenden arbeitsteiligen Gesellschaft begegnete die Durchführung dieses Princips steigenden