Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Zweite Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

neue, das Ständetum beseitigende Rechtsordnung und die neue gesellschaftliche Ordnung,des Bildungs- und Erziehungswesens in der That ein ganz anderer Zustand derGesellschaftsordnung und Klassenbildung entstanden, der gegenüber der alten Erblichkeitder Berufe und der ständischen Verfassung der Gesellschaft eine weltgeschichtliche Wendung,bedeutete; die Klassen schienen aller Schranken entledigt; die Wertschätzung des indivi-duellen Verdienstes schien gekommen; die Härte der bestehenden Klassenordnung hattejedenfalls einen erheblichen Teil ihrer schlimmsten Spitzen verloren.

Und doch konnte das neue Recht natürlich weder die Eigenschaften der Menschen,wie sie in den verschiedenen Klassen abgestuft nun einmal bestanden, noch die bestehendenBesitzverhältnisse von Grund aus plötzlich ändern. Ja, die neue Wirtschaftsordnung gabden Fähigen und Rücksichtslosen freiere Bahn des Erwerbes, nahm den Schwächerenaus den mittleren und unteren Klassen, die zunächst weder die entsprechende Schul-und technische Bildung, noch die Fähigkeit hatten, die neue formale Freiheit richtig zugebrauchen, viele Stützen und Hülfen, welche ihnen die alte Wirtschaftsordnung gegebenhatte.

Auch wo diese Schattenseiten sich weniger zeigten, konnte der neue Rechtszustandnicht ändern, daß die Mehrzahl der Kinder wenn nicht im Specialberus, so doch inder socialen Klasse der Eltern bleiben. Nur den fähigeren und besseren Kindern istheute das Ergreifen anderer Berufe und das Aufrücken möglich, meist auch nur in derWeise, daß sie in der zweiten oder dritten Generation die höheren Sprossen der gesell-schaftlichen Leiter erreichen, nicht bloß weil es sich um eine langsame körperliche undgeistige Umbildung handelt, sondern auch weil es meist nur den aufopferungsfähigstenund vom Glück begünstigten Eltern gelingt, ihre Kinder besser zu erziehen, ihnen einenetwas größeren Besitz als weiteres Mittel des Emporsteigens zu hinterlassen. Nicht diesocialen Klassen sind also beseitigt, sondern mehr nur ihre Abgeschlossenheit. Freilichist das schon sehr viel, bedeutet eine gänzlich veränderte Struktur der Gesellschaft; jedeganz einseitige, mißbräuchliche Klassenherrschaft ist damit in der Regel beseitigt, zumalwenn durch weitere Fortschritte im Schulwesen, durch weitere Erleichterungen des Empor-steigens der Talente in allen Carrieren, durch höhere Wertschätzung der persönlichenEigenschaften und verminderte des Geldbeutels diese Tendenzen noch verstärkt werden,die freie Berufswahl aller noch mehr zur Wahrheit gemacht wird.

Die socialen Klassen also bleiben; aber sie sind nicht mehr erblich, sie haben dasgegenseitige Connubium; es entsteht damit eine gewisse Blutsmischung durch alle Klassenhindurch, wenn auch die Ehe innerhalb der Klassen das Vorherrschende bleibt. DieKlassen können im heutigen Rechtsstaate weder mehr solche Vorrechte erhalten, noch sozu exklusiven Korporationen und Ständen sich organisieren wie srüher. Schon dieheutige Öffentlichkeit, die Presse, der Verkehr erlaubt den Klassen nicht mehr, so sichin Ständegeist und Exklusivität einzuschließen wie früher. Jede halbwegs gute undstarke Regierung steht heute mit einem starken Beamten- und Rechtsapparate über denKlassen. Sie und die gesunde öffentliche Meinung bringen in die bornierteste Klassen-versammlung einige Lichtstrahlen der Gesamtinteressen hinein. Die Organisation deröffentlichen Meinung hat eine Scham und ein Gewissen gegenüber den Klassenvorurteilenund -mißbräuchen erzeugt, die in den Zeiten ohne Presse und Buchdruck fehlten.

Das vollständige Aufgehen des Menschen in der Klaffe und im Klaffenegoismuswar im Mittelalter möglich und vielfach psychologisch natürlich; heute ist das GleicheMenschen, die an der allgemeinen Bildung, am Staatsgefühle teilhaben, weit schwerer;der obere Teil der Gesellschaft kommt mit andersartigen Klassenelementen mehr in Be-rührung als früher; die meisten Gebildeten empfinden nur mit einem Bruchteile ihresWesens die Klassenzugehörigkeit. Sie sind zu individuelle, vielfach auch zu egoistischeMenschen, um sich ganz an die Klasse hinzugeben. Daß das nicht für alle Kreise,besonders nicht für die unteren Klassen gelte, darauf komme ich gleich.

Auch die letzteren sind durch Schule, Presse, Vereinsleben etwas anders geworden,haben viel gesehen und viel gelernt, haben ein besseres Leben, höhere Bedürfnisse, einenlebendigen Wissensdrang erhalten. Daraus entspringen ihre Fähigkeiten, mehr zu leisten,