Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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410 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

und Ideen, wenn sie nicht dieselben ganz oder teilweise aus den oberen Klassen beziehenkönnte. Bedeutende Kulturhistoriker haben die sreilich noch nicht bewiesene Hypotheseaufgestellt, das Zurücksinken und Altern ganzer Völker und Kulturen beruhe stetswesentlich auf dem Verluste ihrer Aristokratie, auf der zu geringen Fortpflanzung der-selben, aus der Verbannung und Hinrichtung der Fähigsten, auf der politischen Ver-folgung aller Höherstehenden (so Gobineau , Lapouge, Seeck, Ammon). Jedensallswerden wir zugeben, daß wir keine höhere Kultur kennen, ohne daß gewisse aristokratischeKreise eine leitende Stellung einnehmen. In diesem Sinne hat Schässle recht, wenn ersagt, daß jede Aristokratie besser sei als die Abwesenheit jeder Aristokratie.

Aber nicht bloß die oberen Klassen, auch die mittleren und unteren erscheinen mitihren eigentümlichen Berufssphären, ihren eigentümlichen Eigenschaften, Tugenden undTrieben als eine Bereicherung der socialen Gemeinschaft. Ein großes Kulturvolk brauchtverschiedene Menschentypen, wie nur die verschiedenen Klassen und ihre Organisation sieliefern. Dazu gehört der Fleiß, die Ehrbarkeit, die Familicnzucht des Mittelstandes,das lebendige Gemütslcben und die Aufopserungssähigkeit der unteren Klassen ebensowie die Geisteskraft und das Selbstbewußtsein der oberen. Die Ausbildung des Indivi-dualismus, des seineren Nervenlebens, der Wissenschaft, die Schaffung von Menschenmit Herrscherwillen und Unbeugsamkeit, von Übermenschen, wie man seit Nietzsche sagtund sie übermäßig verherrlicht, ist Sache der mittleren und oberen Stände, die derGemein-, der religiösen und sympathischen Gefühle, der derben Körperkraft, der gesundenMuskeln Sache der unteren Klassen. Darum konnte Treitschke mit Recht sagen, letztereseien der Jungbrunnen der Gesellschaft; durch sie erhält sich das Gemüt, die Kraft unddie Gesundheit, durch die oberen die Gesittung, der Geist, der Fortschritt, die Genialität,die Thatkraft.

Wenn und wo die oberen Klassen nach Ablauf von Generationen und Jahr-hunderten degenerieren, wie das ein allgemeines Gesetz der Geschichte zu sein scheint, soist in den mittleren und unteren, die von den Fehlern und Entartungen der oberenvielfach frei bleiben, der Ersatz gegeben; ihre Talente dringen als einzelne in dieAristokratie ein, verjüngen sie, teilweise steigen sie als Gesamtheit oder in größerenGruppen empor. Keine Gesellschaft kann ohne ein solches Aufsteigen, das verschiedeneKlassen voraussetzt, bestehen. Die Klassenhierarchie mit ihrer Verschiedenheit der Ehre,der Macht, des Besitzes ist das wesentliche Instrument, das den gesellschaftlichen Fort-schritt in Bewegung erhält. Wenn es für den einzelnen kein Ziel des Aufstrebens,keine erreichbare höhere Stellung mehr giebt, so erlahmt alle Energie, versiegt aller Wett-bewerb ; volle sociale Gleichheit wäre der Tod der Gesellschaft. Wenn der Mensch keineHoffnung mehr hat, seine Lage zu verbessern, so verdrängt Mutlosigkeit und Indolenzalles Streben.

Jede Klasse ist auch für sich durch die Zusammenfassung und Unterordnung dereinzelnen unter ihre Tendenzen ein Instrument sittlicher Ordnung wie jede andereGemeinschaft. Die Klassensitte und die Klassenehre erzieht, sittigt, zwingt zu Opfern,zu Zucht, zu Gehorsam.

Freilich steht diesen Wahrheiten nun eine andere nicht minder sichere entgegen:die zunehmenden Klassengegensätze werden so groß, daß die Einheit des Volkes, diesympathische Wechselwirkung zwischen den Klassen, der Friede in der Gesellschaft bedrohtist. Jede normale Gesellschaft kann nur bestehen, wenn eine gewisse Einheit, sei es derReligion, fei es der Staatsgesinnung, sei es der Bildung und Gesittung, trotz allerVerschiedenheit sich erhält. Die übermäßig zunehmenden Verschiedenheiten werden nunaber weiter durch Mißbrauch, durch falsche Rechtsentwickelung unter Umständen bis zurUnerträglichkeit gesteigert. Wo diese Erscheinungen sich zeigen, da wird mit den wachsendenGegensätzen der Erziehung und der Lebenshaltung, des Besitzes und der Macht, der Ehreund des Rechtes erst die Entfremdung und das Mißverständnis, dann der Haß und derNeid immer mehr zunehmen; es können sich so zuletzt die verschiedenen Klassen wieTodfeinde gegenüberstehen, jede Klasse mit der gleichen des Auslandes sympathischer sichberührend als mit den verfeindeten Klassen der eigenen Heimat. Und sällt nun mit