Allgemeine Würdigung der socialen Klassenbildung-
4N
den harten und frivolen Mißbräuchen der Herrschenden ein Erwachen des Selbstbewußt-seins der unteren Klassen, die Ersetzung der Resignation durch kühne aktive Hoffnungenzusammen, so entsteht der gewaltthätigc Klassenkamps, die Revolution, der Bürgerkrieg.Das Gemeinwesen geht zu Grunde oder gelangt erst durch allerlei Kämpfe, Umbildungenund Reformen nach und nach wieder zu leidlichen Fricdcnszuständen, wenn es gelingt,den einenden Elementen der Kultur wieder die Oberhand über die trennenden zu ver-schaffen, die Entartung des Klassenregimentcs, das ein aristokratisches oder ein demo-kratisches sein kann, jeweilig zu beseitigen oder zu mildern. Wir kommen darauf zurück.
Hier schließen wir mit der vorläufigen Erkenntnis: keine höhere Kultur ohneKlassen und ihre Wechselwirkung; die Klaffenordnung ist normal, wenn sie den ver-schiedenen durchschnittlichen Fähigkeiten und Leistungen entspricht; das ist häufiger beieiner neuen Klasscnbildung der Fall als bei einer alten, versteinerten; jede einseitigzur Herrschaft kommende Klasse versucht das Recht und die Institutionen in egoistischemSinne umzubilden; die Mißbrauche einer siegenden Aristokratie sind andere als dieeiner zur Herrschaft kommenden Demokratie, aber es fragt sich, welche größer sind unddas Gesamtwohl mehr schädigen. Je weiter eine herrschende Klasse mißbräuchlich Besitzund Macht, Ehre und Einfluß anders verteilt, als es den durchschnittlichen Eigen-schaften der Menschen entspricht, desto schlimmer werden die Zustände. Jede zur Herr-schaft gelangende Klasse steht, bis sie ihren Höhepunkt erreicht hat, im Dienste derGesamtentwickeluug; ob und wie lange sie sich auf dieser Höhe erhält, hängt von derFrage ab, ob ihre Fähigkeiten und Tugenden dieselben bleiben, ob sie rasch entartet,eine zu große Zahl unfähiger Elemente in sich birgt, ob sie ihre Pflichten vernachlässigt,einem trägen Genußleben sich ergiebt, in schmutziger Weise sich bereichert, ob ihr Ver-mögen und Einkommen in zu großen Gegensatz zu ihren Leistungen tritt. Die mittlerenund unteren Klassen kommen nicht so leicht und so oft in die Lage, ihre Stellung zumißbrauchen; aber die großen politischen Siege der Demokratie, welche wir in Griechen-land und Rom , im Mittelalter und in der neueren Zeit erlebten, zeigen uns, daßdiese Klassen entweder sofort der Herrschaft eines populären Diktators anheimfallen oderdie Macht und die Finanzen des Staates zerrütten, zu gefunden Reformen und Neu-gestaltungen unfähig sind und nach kürzerer oder längerer Zeit, nach ungeschickten oderheillosen Experimenten wieder der Herrschaft verlustig gehen.
Das ganze Problem ist ein sittlich-psychologisches auf der einen Seite, ein solchesder wirtschaftlichen und politischen Institutionen und ihrer Fortbildung auf der anderen.Der Versuch, aus der Technik und der Besitzverteilung allein die Klassenbildung und alleihre Folgen abzuleiten, ist so verfehlt wie der, aus diesen selben Ursachen eine künftigeBeseitigung aller focialen Klaffen beweisen zu wollen.
7. Die Unternehmung. Die Entwickelung der Geschäfts- und Vetriebsformen.
Allgemeines: Röscher, Die Industrie im Großen und Kleinen. Gegenwart 10, 1856, nudAnsichten d. V-W. 3. Aufl. 2. 1878. — Schnffle, Das gesellschaftliche System der menschlichenWirtschaft. 2. Aufl. 1867. Z 107—IIS. 3. Aufl. 1873, Z 211 ff.; — Ders., Die Anwendbarkeitder verschiedenen Untcrnehmungsformen. Z. f. St. 1869; — Ders., Kapitalismus uud Socialismus .1870. — Thun, Die Industrie am Niederrhein . 2 Bde. 1879. — Schmollcr, Die geschichtlicheEntwickelung der Unternehmung. 13 Abhandlungen. I. s. G.B. 1890—1893. — Bücher, Gewerbe.Im H.W. 3, 1892; — Ders., Die gewerblichen Betriebssysteme in ihrer geschichtlichen Entwickelung,Entstehung d. V.W. 1893 u. 1897. — Sombart , Die gewerbliche Arbeit und ihre Organisation.A. f. soc. G. 14, 1899. — (Zahn) Die berufliche und sociale Gliederung des deutschen Bolkcs nachder Berusszählung v. 14. Juni 189S. Etat. d. d. Reiches. N. F. 111, 1899. — (Zahn) Gewerbeund Handel im deutschen Reich. Etat. d. d. Reiches. N. F. 119. 1899.
Ältere Arbcitsgcuosseuschasten: Sticda, Die Artele in Rußland . I. f. N. 2. F. 6, 1883. —Stühr, Über Ursprung, Geschichte, Wesen nnd Bedeutung des russischen Artels. 1890 u. 1891. —Schmoller, Die ältere Arbeitsgenossenschast. I. f. G.B. 1890.
Das Handwerk, ältere Zeit: S. Hirsch, Das Handwerk und die Zünfte in der christlichenGesellschaft. 1854. — Arnold, Das Auskommen des Handwerkerstandes im Mittelalter. 1861. —Schönberg, Zur wirtschaftlichen Bedeutung des deutschen Zunftwesens. I. f. N. 1. F. 9, 1868. —