Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Bcrfassimg der Volkswirtschaft.

eines bestimmten Handels oder einer bestimmten specialisierten Produktion von Warenzu einer selbständigen Anstalt mit bestimmter Verfassung, mit eigenem Lebensinteressewird. Nur in den späteren Stadien der antiken und in den letzten Jahrhunderten dereuropäischen und der von ihr abhängigen kolonialen Kultur haben sich diese Unter-nehmungen voll und ganz ausgebildet, während vorher nur Ansätze dazu, hauptsächlichin den Handelsgeschäften, dann auch im Handwerk, in gewissen landwirtschaftlichenBetrieben vorhanden waren und ähnlich noch heute in allen Ländern niedriger oderhalbcntwickelter Kultur nur solche Anfänge der Unternehmung bestehen.

Es ist daher begreiflich, daß erst die beginnende Volkswirtschastslehre des 13. Jahr-hunderts von einem Unternehmer sprach, daß sie in ihrer Richtung auf Untersuchungder Einkommensverteilung wesentlich die Frage erörterte, welche Natur der Unternehmer-gewinn habe. Die Engländer sahen in ihm wesentlich einen Kapitalgewinn, identifiziertenihn vielfach mit der Kapitalrente; die Franzosen sahen in ihm eine Art Arbeitslohn, DieDeutschen begannen ihn als eine selbständige Einkommensart aufzufassen. Nachdem derSocialismus gegen das Wesen der Unternehmung, als der Organisationsform, welcheden innersten Kern, den Pol der heutigen Volkswirtschaft ausmache, welche aus demDienste der Gesamtheit private Gewinne für die Leiter herausschlage, seine heftigenAngriffe gerichtet hatte, konnte die Wissenschaft nicht mehr bei der Frage stehen bleiben,ob der Untcrnchmergewinn unter diese oder jene privatrcchtliche oder wirtschaftlicheKategorie falle; sie mußte beginnen, die verschiedenen Arten der Unternehmung zubeschreiben, sie psychologisch und historisch, technisch und wirtschaftlich aus ihren Ursachenzu erklären, um so zu einem abschließenden Urteil über ihr Wesen, ihre Entwickelung'und Berechtigung zu kommen, sie im Zusammenhang der ganzen socialen und gesell-schaftlichen Organisationsfragen zu begreisen.

Wir werfen zuerst einen Blick auf die Ausgangspunkte, aus denen heraus dieUnternehmung sich historisch entwickeln konnte: Wo Handel und Verkehr Platz greifen,Nomaden und Schiffer auf Beute und Gewinn ausziehen, Märkte entstehen, da bildetsich mit dem Tausch, mit der Erkenntnis der großen örtlichen Preisdifferenzen, mit derErspähung der verschiedenen Bedürsnisse da und dort der Sinn für den Handelsgewinn;er ist der psychologische Keim der Geschäftsseite aller Unternehmung.

In die Wirtschaftsführung der Menschen uud Familien kommt damit ein neuesanderes Element; der bisher ausschließlich auf die Hauswirtschaft gerichtete Sinn, dernur Vorräte für den Gebrauch, nur ihre Herrichtung für den eigenen Bedarf kannte,greift jetzt über diesen Kreis hinaus; er will erwerben, erbeuten, einkaufen, um fremdenMenschen die Ware zuzusühren, und damit einen Gewinn machen. Dazu gehört Welt-und Menschenkenntnis, wagender Mut, rechnender Verstand, (vergl. oben S. 335). Diebisher nur mit Familien und Stammesgenossen freundlich, mit Fremden feindlichVerkehrenden kommen nun beim Tausch und Handel mit Fremden und bald auch mitden Stanimcsgcnossen in jene den Tauschverkehr charakterisierende Berührung, dieeinerseits Sympathie und Rücksichtnahme zurücktreten läßt, andererseits den Verzichtauf Tötung und Beraubung nach uud nach fordert: man macht ein Geschäft, man hateine persönlich gleichgültige Berührung; Käufer und Verkäufer stehen sich gleichsam inabstrakter Ferne gegenüber, ohne daß nähere sittliche Bande aus dein Geschäft entstehen,wie sie bisher innerhalb der Familie, der Gens, des Stammes alle wirtschaftlicheBerührung begleitet hatten. Nur der lockende Gewinn, der sich dem Egoismus, demErwerbstrieb darbietet, konnte den Umweg bilden, aus dem Fremde in andere als feindlicheBerührung kamen, einander dienstbar wurden. Aber die Art, wie sie sich dienstbarwurden, wie sie in immer größerer Zahl vorübergehend, flüchtig, ohne näheres Kennen-lernen, ohne dauernde Beziehung durch Tausch und Verkehr sich berührten, schloß auchdas engere Verbundensein, die weitergehenden gegenseitigen Pflichten aus, wie sie inden engeren gesellschaftlichen Verbänden bisher gefordert wurden; Übervorteilung,Täuschung, BeWucherung, ja unter Umständen List und Gewalt galt lange im Handelals erlaubt. Sein Zweck ist nicht, einen Freund, einen Verwandten zu versorgen, sonderneinen Gewinn, ein rentierendes Geschäft zu machen, das Kapital einzusetzen, die Leiden-