430 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
und Fremdenrecht, im Zunftwesen, in der älteren Agrar- und Bergverfassung lagen,mußten fallen; Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit, Handelsfreiheit, Freiheit desEigentums und der Person, Beseitigung des handwerksmäßigen und hausindustriellenArbeitsrechtes, das dem Großbetrieb Schranken auferlegte, waren die Schlagworte undTendenzen, für welche die Begründer der großen Betriebe als ihren Interessen dienlichkämpften. Kurz es mußte die rechte Absatzmöglichkeit, die freie Bewegung für denHandel vorhanden sein, wenn einzelne die konzentrierte Produktion für eine steigendeMenschcnzahl und ferne Orte in die Hand nehmen sollten.
d) Es mußte der Handel ein tüchtiges selbstbewußtes Bürgertum geschaffen, einenlebendigen Handels- und Unternehmungsgeist erzeugt haben; es mußte ein Geschlechtvon Männern erwachsen sein, die sähig waren, die sich sammelnden Kapitalien zu demkühneu Wagnis privater Geschäfte zu verwenden, die Fortschritte des Verkehrs, derTechnik, des Maschinenwesens in dem Dienste dieser Geschäfte richtig zu verwerten, denAbsatz ebenso zu organisieren wie zu Hause die persönlichen mitwirkenden Kräfte. Dieneuen Großunternehmer waren teilweise auch Grundherren und Handwerker oder frühereWerkmeister, aber in der Hauptsache waren es Faktoren, hausindustrielle Verleger, Kauf-leute; in der Landwirtschaft waren es die größeren Pächter und die mit kaufmännischemGeist und moderner technischer Bildung versehenen größeren Gutsbesitzer; alle, denenes als Großunternehmer gelang emporzukommen, mußten ganz besondere spekulativeund organisatorische, geistige und Charaktereigenschaften haben, mit besonderer Energieteilweise auch mit Rücksichtslosigkeit ihren Weg gehen; manche verfolgten ihn auch,vom Erwcrbstrieb ausschließlich beherrscht, von der Konkurrenz gedrängt, mit Härte undSchamlosigkeit.
o) Je größer die Geschäfte wurden, desto mehr mußten die Unternehmer erheblicheKapitalien besitzen oder durch den Kredit erhalten. Nur in reichen Ländern ist derGroßbetrieb möglich, denn er fordert, wie wir bei der Arbeitsteilung (S. 360) sahen, sehrviel mehr und meist festgelegte Mittel als Handwerk und Hausindustrie. Aber es müssennicht bloß an sich die Mittel da fein; es muß auch einen Kapital- und Kreditmarkt,eine Kreditorganifation geben, die die ersparten Mittel sammelt, kaufmännisch verwaltet,sie den rechten Personen und Stellen zusührt. Ohne das ist keine Großindustrie, sindihre neuen und komplizierten Formen, ihr glatter Geschäftsgang nicht denkbar. In-sofern ist es nicht falfch, wenn man den Großindustrien einen kapitalistischen Charakterzugeschrieben hat. Aber wenn man sich einbildet, die ungleiche Kapitalverteilung an sicherzeuge die Großbetriebe; wenn man sich vorstellte, weil die Erben glücklicher Unter-nehmer in der zweiten und dritten Generation vor allem als Kapitalbesitzer erschienen,der Kapitalbesitz habe die Unternehmungen geschaffen, so ist das ganz falsch. Was sieschafft und erhält, bleiben immer die persönlichen Eigenfchaften; jeder Mangel an den-selben rächt sich durch Verluste, oft durch den völligen Bankerott. Wird man dochkaum zu viel sagen, daß die Gefahr des Mißlingens und die Chance des Gewinnesin der Unternehmung durch die wachfenden Schwierigkeiten der Organisation und desAbsatzes so verteilt seien, daß fast die Hälfte aller gewerblichen und Handelsgeschäfteunter Verlust ihres Kapitals bald wieder zu Grunde gehen.
cl) Daß die Ausbildung aller größeren socialen Organisationen mit der Ent-wickelung der Technik zusammenhänge, haben wir oben darzulegen versucht (S. 203bis 225): die höhere Ausbildung der Familienwirtschaft war nicht ohne den Hausbau,die der Städte nicht ohne den Mauer-, Straßen-, Wasserbau, die ersten größeren festenStaaten nicht ohne die asiatisch-römische Großtechnik möglich. Die Fortschritte imMühlcnwesen, im Bergbau- und Eisengewerbe, im Münzwesen, in der Kredittechnik undanderes mehr ermöglichten die volkswirtfchaftliche Entwickelung von 1400—1800; dieverbesserten Wasserräder, die Dampf- und die elektrischen Kraftmaschinen, die Spinn-und die Webstühle, die Dampfhämmer sind die wichtigsten Erscheinungen aus der großenoben (S. 211—218) geschilderten technischen Revolution von 1770 bis zur Gegenwart,welche den Großbetrieb herbeiführte. Die Metall- und Werkzeugtechnik der Zeit 4000 v. Chr.bis 1700 und 1800 n. Chr. hatte die Hauswirtschaften und kleinbetrieblichen Handwerks-