Die Verfassung, die Vorzüge und Schattenseiten der Aktiengesellschaften.
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stand zu wählen, die Rechnung zu prüfen, die Gewinnverteilung zu genehmigen. Außer iubesonderen Fällen erscheinen aber die Aktionäre nicht; auch wenn sie erscheinen, bestehensie aus Kapitalisten, die sich nicht kennen, die verschiedenen Berufen, Orten, Staatenangehören. Die meisten Generalversammlungen sind, so lange die Geschäfte gut gehen,schlecht besuchte Komödien, die von den Leitern der Form wegen rasch abgespielt werden.Aber die Generalversammlung ist nötig, um eventuell eine schlechte Leitung zu stürzen,Mißbräuche zur Sprache zu bringen, eine Minorität der Aktionäre in eine Majoritätzu verwandeln. Sie ist das Organ der Stimmungsausgleichung zwischen den leitendenPersönlichkeiten und den rentcnbeziehenden Kapitalisten.
Der Schwerpunkt jeder Aktiengesellschaft kann nur in einer kleinen Zahl leitenderPersönlichkeiten liegen; sie gliedern sich meist a) in den Vorstand, der aus einem odermehreren Direktoren besteht und mit Hülfe von Beamten die laufenden Geschäfte führt,d) in den Aufsichtsrat, welcher meist den Vorstand wählt, sich häufig versammelt, diewichtigsten Fragen mit dem Vorstande entscheidet und den letzteren kontrollieren soll.Alles Gedeihen und alle Blüte der Aktiengesellschaften hängt davon ab, daß in diesenOrganen die rechten Leute sitzen, d. h. Leute mit so viel Geschäftskenntnis, Energie,Interesse zur Sache und Ehrlichkeit, daß sie mit Geschick, Hingebung und Treue fürdie Gesellschaft arbeiten. Sie müssen teils gut bezahlt, teils durch großen Aktienbesitzinteressiert sein; ihre Pflichten müssen privat- und strafrechtlich, durch Instruktionen richtigbestimmt sein. Sie und die wachsende Zahl der Beamten müssen sähig sein, gute Geschäfte,technische Fortschritte, organisatorische und kaufmännische Verbesserungen durchzuführenund doch zugleich sich als Verwalter fremden Vermögens, wie der Rechtsanwalt, derVormund, der Konkursverwalter, der Staatsbeamte zu fühleu. Es handelt sich umdas sittliche und pädagogische Problem, ob es möglich sei, Leute zu finden und zuerziehen, welche Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit mit Energie, Geschästsklughcit, Organi-sations- und Spekulationstalent verbinden.
Das Problem ist deshalb so schwierig zu lösen, weil von der Gründung an sürdiese Kreise die Möglichkeit vorhanden ist, mit kleinen Unredlichkeiten oder gar nur mitformal unantastbaren Schlauheiten große Gewinne zu machen. Man gründet Gesell-schaften, nur um die Aktien mit Agio zu verkaufen, um eigene Kapitalien und Geschäfteder Aktiengesellschaft hoch anzurechnen; man übernimmt die Leitung, um sich regelmäßigeneinträglichen Absatz oder billigen Kredit oder sonst Vorteile der Art zu verschaffen, umeine Patronage für Verwandte auszuüben, um Aufsichtsratstanticmen ohne viel Arbeiteinzustreichen, die Ministergehalte übersteigen.
Aber trotz alledem bleibt es wahr, daß seit den Tagen der großen älteren Compagnienes gut geleitete Aktiengesellschaften gab; es waren die, in welchen die sogenanntenHauptparticipanten, die großen und reichen Kaufleute, Reeder, Bankiers, welche dieAktiengesellschaft gegründet hatten, auch dauernd den größeren Teil des Kapitals und dieHaupstellen in der Leitung behielten, sich verantwortlich fühlten. Seit die Gründungvon Aktiengesellschaften arbeitsteilig ein Hauptgeschäft bestimmter großer Banken ge-worden ist, erscheint es als deren Pflicht und Ehre, sür gute und pflichttreue Direktorenzu sorgen, einen leitenden nnd kontrollierenden Einfluß zu behalten. Viel kann aucheine gesunde kaufmännische Presse und die ganze Öffentlichkeit, eine richtig geleiteteBörsenspekulation thun, welche die Aktien je nach der Qualität der guten oder schlechtenLeitung wertet, sowie eine Staatsverwaltung und Rechtsprechung, welche die Mißständebekämpft und bestraft. Im ganzen wird man immer sagen können: so sehr die Aktien-gesellschaften den Reiz zur Spekulation und Agiotage steigerten, große Mißbräuche in derGründung und Verwaltung ermöglichten, so ist es doch nach und nach gelungen, anständigeund reelle Gepflogenheiten in den besseren Gesellschaften zum Siege zu bringen, durchehrliche Direktoren und Aufsichtsräte, die zugleich Hauptteilhaber und große Gcschäfts-talcnte waren, die ganze Institution zu legitimieren.
Und so groß die Schattenseiten auch heute noch sein mögen, die Vorteile sür dieVolkswirtschaft zeigten sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt stärker. Sie liegen in demgroßen Kapital und Kredit, welche nie von privaten Einzclunternchmern so zu beschaffen