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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
die Detailhändler der betreffenden Waren sinken leicht zu Agenten oder Kommissionärenoder gar zu Beamten der Kartelle herab.
Das Urteil über diese neue centralistische Ordnung großer Gebiete der Produktionschwankt naturgemäß: die einen sehen darin nur einen Rückfall in alte Mißbräuche undMonopole, rusen nach Polizei und verbietenden Gesetzen; sie klagen, daß die Konkurrenzund die Gewerbesreiheit mit ihnen verschwände, daß sie die Preise und die Gewinneunmäßig erhöhten, das Publikum schamlos ausbeuteten, einen steigenden Druck auf dieArbeiter ausübten. Die alten Freihändler, der kleinbürgerliche Radikalismus urteilenso; die Socialisten, die Socialreformer, teilweise auch konservative Politiker, vollendsdie Vertreter des großen Kapitals sehen auch die günstigen Seiten und vielfach nurdiese. Als solche erscheinen die großen technischen, Verkehrs- und Organisationssortschritte,welche die genialen Leiter vieler Kartelle herbeigeführt haben; manche derselben sindfreilich zugleich die geriebensten Geldmacher, ja kaufmännischen Spitzbuben. Daß Miß-bräuche im großen Maßstabe sich an einzelne Kartelle knüpfen, Preßkorruption, unlautereSpekulation, Börsentreibereien, Ausbeutung des Publikums durch das Monopol, wirdsich nicht leugnen lassen. Die Verteidiger der Kartelle betonen aber vor allem, daß diePreise durch die Kartelle teilweise ermäßigt, keineswegs allgemein erhöht wurden, daßjedenfalls die großen Schwankungen in Produktion und Absatz durch sie sehr ermäßigtworden seien. Das ist ihr weitaus wichtigster Vorzug.
Im ganzen wird man sagen können, sie seien so segensreich oder so unheilvoll,wie die Leiter maßvoll und staatsmännisch oder kurzsichtig und habsüchtig sind. DieKartelle sind eine Erscheinung, die mit Notwendigkeit aus derselben Tendenz erwuchs,welche den maschinellen Großbetrieb, den heutigen Verkehr, die Kreditentwickelung undSpekulation schuf. Die Großbetriebe mit ihren festen Anlagen auf Jahre, mit ihrernotwendigen Spekulation auf die Zukunft mußten, durch gegenseitige übermäßige Kon-kurrenz gepeinigt, durch den Wechsel der Nachfrage und die Krisen bedroht, auf denAusweg der Kartellierung kommen, gerade wo große kaufmännische und organisatorischeTalente an der Spitze standen. Die Kartelle wiederholen nur, was immer in ähn-lichen Fällen früher geschah, was auch heute aus der Börse und sonst mit mehr Ver-heimlichung und weniger Berechtigung vorkommt.
Es ist ein Entwickclungsprozeß, der unserer Zeit, ihren materiellen, wirtschaftlichenBedingungen, ihren organisatorischen Tendenzen entspricht. Er kann entarten zu gefähr-lichen monopolistischen Mißbräuchen, zu wucherischer Riesenvermögensbildung für wenige.Er kann aber auch in die rechten Wege gelenkt werden, wenn es beizeiten gelingt,volle Öffentlichkeit in das Verfahren und in die Gewinnbildung zu bringen, und wennin die Leitung dieser centralistischen Organisationen mehr weitblickende und staats-männische Patrioten als Geldmacher und neben den Kapitalvertretern solche derAllgemeinheit, Vertreter des Staates, vielleicht später auch einmal der Arbeiter kommen,wenn die Monopolgewinne zu einem entsprechenden Teil der Allgemeinheit zugeführtwerden. Die Organisation des deutschen Kalikartells mit den in demselben dempreußischen Handelsminister vorbehaltenen weitgehenden Rechten ist ein Beispiel sürrichtige Staatseinmischung. Auch die Verfassung der deutschen Reichsbank mit ihrenhalb vom Staate berufenen, halb von den Anteilseignern gewählten Organen zeigt denWeg, der zu gehen ist. Die Verfassung der zu einem Riesenbetrieb verschmolzenenPariser Omnibus- und Straßenbahngescllschaften zeigt, wie man Gemeinde und Staatgrößere Vorteile als den Aktionären zuwenden kann. Es wird schwere Kämpse geben,bis diese Ziele erreicht sind; die bisherigen Anläufe einer die Kartelle beschränkendenGesetzgebung waren resultatlos, waren hölzerne Schüreisen. Nur große und starke, dieZukunft richtig erkennende Regierungen werden im Bunde mit einer gesunden öffentlichenMeinung, mit den besseren Krästen der Kartelllciter und der Geschäftswelt, fowie mitden aufgeklärtesten Arbeiterführern das Ziel erreichen: die Kartelle nicht zu vernichten,sondern sie aus den heute teilweise falschen Bahnen hinüber zu lenken in gesunde, sodaß sie als die richtigen Organe einer höheren Form der vergesellschafteten Volkswirt-schast, als die berufenen centralen Steuerungsorgane der Produktion gelten können.