54 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlauses u. der Einkommensverteilimg. s512
Arbeit möglich: jedes Land konnte nun ganz anders als bisher das produzieren, wozues am geschicktesten war. Die internationale wachsende Konkurrenz war für viele Länderdas Hauptpressionsmittel zu technisch-wirtschaftlichem Fortschritt. Aber bald zeigtedieser Druck auch feine Kehrfeite: die freie Konkurrenz begünstigte ausschließlich dieLänder, welche die besten Natur- und anderen wirtschaftlichen Bedingungen haben. Diefchwächeren und ärmeren Länder verloren einzelne Zweige ihrer Produktion, ohne inanderen voranzukommen, wie man früher sie getröstet hatte. Man kam zur Einsicht,daß große selbständige Staaten eine gewisse gleichmäßige Entwickelung der Hauptwirt-schaftszweige, der wichtigsten Industrien haben müssen, daß es z. B. gewisseneuropäischen Ländern kein ausreichender Trost für den Ruin ihrer Landwirtschaft ist, wennman ihnen sagt, dafür erblühe der nord- und füdamerikanische und australische Acker-bau. Wir können gewiß ertragen, wenn einzelne specielle und kleinere Gewerbe beiuns zurückgehen, sofern dafür andere voranschreiten. Aber nicht, daß sie in ihrer Ge-famtheit durch den Freihandel geschädigt werden. Und wir sehen deshalb heute wiederein, daß es gewisse Schranken der internationalen Konkurrenz geben muß, daß derabsolute Freihandel die Ausbeutung der fchwächeren Staaten durch die stärkeren, dieeinseitige Entwickelung der Volkswirtschaft mancher Staaten bedeutet oder bedeuten kann.
Ist mit den angeführten Beispielen die Erwerbsordnung des freien Wettbewerbesauch noch nicht erschöpfend dargelegt, sie genügen uns zu zeigen, daß die bestehendeältere Regulierung der Konkurrenz im 19. Jahrhundert zwar mit Recht beseitigt wurde,daß der Wettbewerb damit außerordentlich zunahm, daß er tausend Kräfte weckte, dieWirtschaftlichkeit und die Technik, den Großbetrieb und die Arbeitsteilung förderte, dieWeltwirtschaft erzeugte, daß aber zugleich die oben erwähnten Mißstände der zu starkenKonkurrenz sehr erheblich zunahmen, daß allerseits die Frage entstand, wie dem ab-zuhelfen sei, oder ob gar daraus ganz neue Formen des volkswirtschaftlichen Lebensentständen.
161. Die Miß stände der heutigen freien Konkurrenz und ihreBekämpfung; neue Konkurrenzregulierungen. Vieles, über das heute alsFolge der Konkurrenz geklagt wird, ist die Folge der großen organisatorifchen Änderungenin der heutigen Volkswirtschaft. Die Konkurrenz ist hier mehr nur ein Mittel, dieÄnderungen herbeizuführen, als die Ursache dauernder Mißstände. So wenn die älterenBetriebsformen, Handwerk, Hausindustrie, Kleinhandel, gewisse Formen und Arten desmittelbäuerlichen Betriebs verschwinden oder zurücktreten; so wenn die ganze Arbeits-teilung und die ganze Art des Verkehrs eine andere wird, gewisse sociale Klassen inden Hintergrund gedrängt werden, in der alten Art sich nicht halten können: z. B. dergemächlich lebende Rittergutsbesitzer, der zwanzig Jahre Offizier war, von Landwirt-schaft nichts versteht und nun im alten Schlendrian seine Gutswirtschaft führen will,wie Vater und Großvater. Gewiß handelt es sich bei diesen, meist durch stärkeren Kon-kurrenzdruck im einzelnen herbeigeführten Änderungen teilweise darum, den Übergangdurch gewisse Maßregeln zu erleichtern. Es handelt sich bei vielen der älteren Betriebs-formen nicht um ein Verschwinden, sondern um eine Einschränkung; es handelt sichdarum, daß gewisse Klassen kaufmännisch und technisch richtiger für die veränderte wirt-schaftliche Lage erzogen werden.
Auch das ist nicht als ein Unglück anzusehen, daß überhaupt heute, durch unsernVerkehr, unsere Presse, unsere gesteigerte Berührung aller Menschen untereinander, einegrößere Reibung vorhanden ist. Ohne sie wäre auch der heutige Fortschritt nichtmöglich; und er ist nicht bloß ein technischer und wirtschaftlicher, sondern auch eingeistiger und moralischer: die Trägheit und Stumpfheit der Massen, wie sie früherbestand, ist nicht mehr möglich; alle Kreise, auch die obersten müssen sich mehr an-strengen, die sähigsten Personen kommen mehr voran, auf die wichtigsten Stellen.
Aber — all' das zugegeben — die gesteigerte Konkurrenz hat daneben viel Häß-liches und Ungesundes erzeugt. Wir können die Mißstände nicht erschöpfen. Auf dasWichtigste aber müssen wir hinweisen. Ich meine vor allem eine gewisse Korruptiondes Handels, dann die Erscheinungen des Polipoliums und Monopoliums, d. h. die