Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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511) Die Konkurrenz der liberalen Wirtschaftspolitik. -53

sich ausgebildet hatten, waren in den meisten Staaten bis in die erste Hälfte des19. Jahrhunderts von staatlicher Konzessionierung abhängig; ebenso allgemeindie Aktiengesellschaften und andere Groß- und Riesenbetriebe, die neuen Verkehrsanstalten,die Versicherungs- und Bankgeschäfte. Staat und Polizei hatten damit die Entstehungder meisten größeren Betriebe in ihrer Hand: sie sollten je nach Bedürfnis und Absatz-möglichkeit die Konzession erteilen; sie beherrschten damit mehr oder weniger die Kon-kurrenz. Die Aufgabe war lästig, die Ausführung oft schwerfällig und parteiisch, dieSachkunde der Behörden nicht genügend. Bestechung und andere Kosten wurden beklagt;wo es sich um parlamentarische Konzessionen handelte, wie in England , war die Sachenicht besser, sondern teurer, langsamer, von Parteiinteressen beherrschter. Was warverständlicher, als daß mit dem Glauben an die natürliche und harmonische Volkswirt-schaft das ganze Konzessionssystcm in Mißkredit kam und hier vollständig, dort teilweisebeseitigt wurde. Und es wird sich nicht leugnen lassen, daß die Aufhebung vielfach,vielleicht sogar meist günstig wirkte, zumal wo es sich um kleinere Geschäfte handelte.Die Konkurrenz wuchs, Angebot und Nachfrage konnten in vielen Zweigen besser alsdie Polizei die Zahl der Geschäfte regeln; die selbstbewußte Unabhängigkeit des Unter-nehmertums nahm zu. Aber auch große Mißstände entstanden da und dort: einübermäßiges Anwachsen der Schankgewerbe, des Pfandleihgeschäfts, der Detailläden,der Tingeltangel und anderer, teilweise weniger wünschenswerter Betriebsarten. Mansah vielerorts, daß nur das Interesse der Kapitalanlage Unternehmungen vergrößerteoder schuf, deren Existenzberechtigung zweifelhaft war. Man griff nach längerer oderkürzerer Zeit auf eine Konzessionicrung nach den: Bedürfnis wenigstens für einzelneGeschäftsarten zurück. In Paris hat die Aufhebung der Bäckerkonzessionen und derBrottaxen von 18661880 die Zahl der Bäcker verdoppelt, die Geschäfte verkleinert, dasBrot verteuert, den technischen Fortschritt aufgehalten. Die Aufhebung der Kon-zessionierung der gewöhnlichen Aktiengesellschaften hat die Konkurrenz in den meistenLändern zeitweise fieberhaft gesteigert, den Großbetrieb sehr begünstigt, dem Kapital inder Auffchwungsperiode freieste Bahn und große Gründergewinne zugeführt, aber siehat auch den Schwindel, den Betrug, die Überproduktion da und dort gefördert. Undbereits fragt man sich, ob nicht die Ringe und Kartelle mit ihrer Politik der Ver-hinderung neuer Konkurrenzgeschäfte thatsächlich eigentlich wieder auf eine Art von Kon-zessionszwang zurückführen, der vielleicht fachkundiger, aber nicht unparteiischer sei alsder alte, bureaukratisch gehandhabte. Auf manchen Gebieten, z. B. auf den der Ver-kehrs-, Versicherungs- und Notenbankanstalten, hat man auch nie das Konzessionsprincipbeseitigt, nie das freie Spiel von Angebot und Nachfrage allein walten lassen. FürGroßbritannien wird behauptet, ein Viertel alles englischen Kapitals sei heute inBetrieben (hauptsächlich Eisenbahnen) angelegt, welche der parlamentarischen Konzessionbedürfen; sie seien die vor dem Druck der Konkurrenz geschützten und daher in der Lage,Monopoldividenden zu zahlen.

Die Freizügigkeit, Niederlafsungs- und internationale Wan-derungsfreiheit, wie sie 18001870 entstand, war ein unentbehrliches Mittel,die Bevölkerung im Raume den neuen Verhältnissen entsprechend zu verteilen. DieKonkurrenz wuchs damit erheblich, die Löhne stiegen. Die Kehrseite ist, daß nicht bloßwirtschaftliche Zwecke, sondern auch Genußsucht und andere ungünstige Motive die Zu-und Abströmung beherrschen, daß das Platte Land teilweise sich entvölkert, und daßdaneben in den Fabrikdistrikten und Großstädten Arbeitermassen sich ansammeln, diebeim kleinsten Rückgang der Konjunktur der Armenunterstützung und der Notstands-arbeiten bedürfen, daß das Einströmen von Arbeitermassen niedriger Rasse undLebenshaltung manchenorts alle Anstrengungen für die Hebung der unteren Klassenvernichtet.

Gegenüber den maßlosen Überspannungen des alten Sperr- und Schutzsystemswaren die Ansätze zu freierem internationalen Handel, wie sie 17301790,dann wieder 18181840 einsetzten, und der Sieg der Freihandelsideen von 18451375ein großer Fortschritt. Damit erst wurde eine weitgehende internationale Teilung der