Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
Seite
52
Einzelbild herunterladen
 

52 Drittes Buch- Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. s^K)

Segen der freien Konkurrenz zum Siege. Die Neubildung aller wirtschaftlichen Ein-richtungen konnte am besten unter rascher Beseitigung eines möglichst großen Teiles deralten Konkurrenzregulierung erfolgen. Die Mißstände der alten Zünfte und Kor-porationen, der alten Handelsregulierung hatte man nun seit lange empfunden. Eswar natürlich, daß man das mit Stolz proklamierte Princip der wirtschaftlichen Frei-heit so weit wie möglich anwandte, daß man immer wieder, statt die alten Schrankenzu beseitigen und sie zugleich durch neue, der modernen Technik, den modernen Verkehrs-und Marktverhältnissen angepaßte zu ersetzen, die Schrankenlosigkeit für alle wirt-schaftlichen Verhältnisse verlangte. Sehen wir in kurzem Überblick, wie alle die wirt-schaftlichen Freiheiten auf die Konkurrenzförderung wirkten, die Kräfte entbanden, Technikund Produktion, Handel und Verkehr förderten, bald aber auch neue Arten des Mono-poliums und Polipoliums erzeugten.

Die Gewerbefreiheit hob das alte Vorrecht der Städte auf den Betrieb derGewerbe und des Handels auf. Die Konkurrenz der Landbetriebe nahm meist raschzu, ist bis auf den heutigen Tag im Wachsen. Das Vorrecht hatte sich längst über-lebt. Es hatte einst den Sinn gehabt, die Städte und ihre Märkte zu schaffen, hierHandel und Gewerbe durch lokale Konzentration zu beleben. Jetzt hatte es längst dieBevölkerung einseitig in die Städte getrieben, die Produktion verteuert, das Platte Landin seiner wirtschaftlichen Entwickelung aufgehalten. Die Gewerbefreiheit hob das Vor-recht der örtlichen Zunftmeister auf dem lokalen Markt auf; die Waren und Meisterdes ganzen Landes konnten nun miteinander zu konkurrieren beginnen, was für dentechnischen Fortschritt und die interlokale Arbeitsteilung unentbehrlich war. Es konntenun jeder, auch der, welcher nicht Lehrling und Geselle gewesen, nicht die Meisterprüfunggemacht, die bisher zünftigen Geschäfte beginnen; nur so konnte die Arbeitsteilung derBetriebe sich der neuen Technik und dem neuen Verkehr entsprechend gestalten, nur sokonnten höhere Techniker und gelernte Kaufleute in viel weitere gewerbliche Kreisedringen, größere, besser eingerichtete Betriebe ins Leben rufen. Die Gewerbefreiheiterlaubte jedem Meister und Unternehmer, neben den Gesellen des Handwerks andereArbeiter, dann auch Kinder und Frauen anzustellen, mehrere Werkstätten oder Lädenzu haben, die Geschäfte beliebig zu vergrößern. Was die Gewerbefreiheit so von17891870 den westeuropäischen Staaten im ganzen brachte, war zeitgemäß und heil-sam; das meiste wird sich dauernd als Grundlage des modernen Gewerberechts erhalten;im einzelnen aber ist viel gefehlt worden. Von der alten Ordnung des Lehrlings-wesens, der täglichen Arbeitszeit, der Lohnzahlung, der sanitären und sonstigen Waren-kontrolle hätte man viel erhalten oder sofort in neue moderne Formen umgießenkönnen. Die modische Zeitströmung und die Nachgiebigkeit gegen die Geldinteressen dergroßen Unternehmer hat zahlreiche Mißgriffe veranlaßt, welche man seit den letzten2040 Jahren durch Novellen zur Gewerbeordnung wieder gut zu machen sucht. AnVielen kleinen Orten bedeutete die Gewerbefreiheit lange nur die Auslieferung desPublikums an einige träge Monopolisten, die keinen technischen und kaufmännischenFortschritt kannten.

Die Beseitigung der alten Reglements der Hausindustrie, welchedie Konkurrenz der Verleger, Zwischenmeister und Heimarbeiter aufs mannigfaltigsteund im ganzen doch günstig, freilich oft auch unter Hinderung des technischen Fort-schritts reguliert hatten, erfolgte von 1780-1850 und war nötig, da die altenVorschriften auf die neu entstehenden konkurrierenden Fabriken nicht paßten. Esentstand dadurch fast überall eine außerordentliche Steigerung der Konkurrenz, diegewiß da und dort den technischen Fortschritt förderte, zahlreiche Hausindustrien aus-dehnte, aber auch eine früher gehinderte wucherische Ausbeutung der kleinen Heim-arbeiter durch die Zwischenmeister und Faktoren, einen maßlosen Lohndruck, eine sehrweit verbreitete Proletarisierung, eine Förderung parasitischer Industrien erzeugte,welche nur beim äußersten Hungerelend von Millionen Kindern, Frauen und geringenArbeitern sich erhallen können.

Die neuen Gewerbe, welche seit dem 16. Jahrhundert neben den alten zünftigen

-«-5-- 5-,-. 55» v,^?^xL»7»'..>>.«?V^ ,