Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Die Nachfrage nach Kapital. Das Sinken des Zinsfusjes.

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bildung ermäßigt den Zinsfuß, jeder neue Aufschwung der Volkswirtschaft hebt ihnwieder. Aber im ganzen bleibt er, je höher die Kultur steigt, ein sinkender. Vorallein mit der Vervollkommnung der Kreditorganisation, die wir im nächsten Abschnittbetrachten, macht sich diese Tendenz geltend und kommt allen Kreisen zu gute.

Das dauernde Sinken des Zinsfußes ist einer der größten socialen Fortschritte.Gewiß erschwert er daneben etwas das Leben von der Rente allein; das ist aber süralle Gesunden und Kräftigen nur ein Glück; für die Alten und Kranken kann undwird immer mehr durch Versicherung gesorgt werden. Die Hauptsache aber ist, daßsinkender Zinsfuß abnehmende Macht des Kapitals, steigende Macht der Arbeit bedeutet;diese Folge kann stets wieder dadurch gehemmt werden, daß die Reichen noch größereKapitalmassen als srüher erwerben. Aber auch das hebt eine andere günstige Folgenicht auf, nämlich daß mit sinkendem Zinsfuß der Kredit allen tüchtigen Leuten dieleichtere Möglichkeit bietet, sich selbständig zu versuchen. Noch eine weitere möglicheKehrseite des sinkenden Zinsfußes ist zu erwähnen. Wo er zeitweise eintritt und einenunbeschäftigten Kapitalüberfluß anzeigt, da kann er zu leichtsinnigein Kreditgeber!, zufalschen Neugründungen, zu Schwindel und Spekulation führen. Wo er dauernd ineinem wohlhabenden Staate sich zeigt, kaun er ein Zeichen sein, daß die ganze Volks-wirtschaft zu einem behäbigen, ja indolenten Stillstand gekommen ist, wie in den Ver-einigten Niederlanden des 18. Jahrhunderts. Aber auch ein längeres Sinken desZinses erzeugt keineswegs notwendig die Stagnation, wie wir daran sehen, daß es von1S201845 in England. Frankreich und Deutschland der Ausgangspunkt sür dengrößten volkswirtschaftlichen Aufschwung wurde.

Was wir oben (II S. 109 ff.) über die Wirkung der meßbaren Größenverhältnissevon Angebot und Nachfrage sagten, gilt auch für den Kapitalmarkt und den Zinssatz;sie wirken, aber nicht mechanisch; die Menschen, die Stimmungen derselben, ihre Macht-verhältnisse und Kenntnisse, die jeweilige Kreditorganisation und -gesetzgebung wirkenauf die Bethätigung von Angebot und Nachfrage und damit auf die Zinshöhe ein.Wie die gesetzlichen Zinsmaxima Jahrhunderte lang von Einfluß waren, so ist es heutedie Zinspolitik der Staaten; ihre Zinsreduktionen haben tief in die Bewegung desZinsfußes eingegriffen, ähnlich wie die Diskontopolitik in die des kaufmännischen Zins-fußes; natürlich nie so, daß sie die Größeuverhältnisse wesentlich ändern, aber stets so,daß sie an sich vorhandene Bewegungen verlangsamen oder beschleunigen, in ihremUmfang modifizieren konnten.

193. Der kaufmännische oder Bankzinsfuß ist neben dem landes-üblichen felbständig zu betrachten, weil er wohl eine mit ihm zusammenhängende undvon denselben allgemeinen Ursachen beherrschte Bewegung hat, aber doch im einzelnensich als etwas Selbständiges darstellt, häufig in entgegengesetzter Richtung sich bewegt.

Die Ursache dieser Selbständigkeit ist einfach- die große Masse des Kapitals istmehr oder weniger dauernd der Materie nach in Grundstücke», Fabriken, Geschäftenaller Art, der Form nach in Effekten, Hypothekenbriefen oder sonstwie angelegt. Nurein Teil des nationalen Kapitals befindet sich in Geldform in den Händen der Kauf-leute und Banken, welche die Kreditgeschäfte besorgen, die kurzen Zahlungs- und Be-triebskredite (Wechsel-, Lombard-, Buchkredit u. f. w.) geben. Je mehr der Kredit sichausgebildet hat, ein desto größerer Teil alles neugebildeten Kapitals sammelt sich zuerstin den Banken, in die so stets neue Zuflüsse kommen, die daneben immer wieder vonihrem Kapital erhebliche Teile zu festen Anlagen abgeben, aber einen Grundstock be-weglichen Kapitals für ihre Geschäfte behalten müssen. So bildet das Bankkapitalgleichsam ein Reservoir für sich, in das stets das neue und das wieder frei werdendeKapital strömt, aus dem einerseits die kurzen Kredite gegeben, wovon andererseits daszu neuen festen Anlagen gebrauchte Kapital abfließt; das Bankkapital ist so mit demviel größeren Reservoir des allgemeinen Kapitalmarktes der festen Anlagen auf dasmannigfachste verbunden; aber die Verbindung ist doch keine solche, daß die Zu- undAbnahme beider Kapitalgruppen eine übereinstimmende sein müßte. In Zeiten der

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