21«) Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des GütcrumlaufesZu. der Einkommensverteilung.
Weil nur durch Kapitalvermehrung der Rentenvcrlust für den Besitzer wieder gehobenwerden könne-
Die Nachfrage nach Kapital ist immer eine doppelte gewesen; sie geht von deneinzelnen und von den Korporationen ans, die in der Not solches brauchen, und sie sindbereit, so viel dafür zu zahlen, als sie glauben, Zinsen später aufbringen zu können.Da der Naive und Ungebildete leicht sich darüber tänscht, so hat dieser Umstand früherdie Zinshöhe sicher sehr in die Höhe getrieben. Heute kommen die Privaten, die Not-darlehen aufnehmen, nicht so sehr mehr in Betracht; die Gemeinden, Provinzen undStaaten sind die Hauptborger; teilweise für wirtschaftliche Zwecke, dann werden sie sichdieselben Fragen wie Geschäftsleute vorlegen, teilweise für militärische und politische,für Verwaltungs- und Kulturzwecke; dann hat die Regierung sowie die Volks- und Ge-meindevertretung sich zu überlegen, ob und wie weit die Steucrkräfte reichen, ob beiKapitalmangel und bei sehr hohen Zinsen der Zweck die Belastung noch rechtfertige.Daß die enorme Steigerung der öffentlichen Schulden im 19. Jahrhundert zu denperiodischen Zinsfußsteigerungen wesentlich beigetragen habe, darüber kann kein Zweifelsein. Welch' großen Teil aller Ersparnisse sie in Anspruch nehmen, haben wir schonzahlenmäßig nachgewiesen (II S. 184).
Neben der Kapitalnachfrage für den Verbrauch, für Erbabfindnngen und allemöglichen nicht direkt wirtschaftlichen Zwecke steht die für das Geschäftsleben, für dieProduktion, den Handel und Verkehr. Diese Nachfrage ist in erster Linie von der Über-legung beherrscht, was mit dem Kapital verdient werden könne. Der durchschnittlicheUnternehmergewinn wird also für sie maßgebend sein. Die Grenznutzentheoretiker sagen,der Zinsfuß muß sich richten nach der Produktivität (dem Gewinn) des letzten unterden ungünstigsten Verhältnissen angewandten, aber noch als nötig erscheinenden Kapital-teils. Das ist so wahr wie die Annahme, jeder Kapital Verleihende sei aus den großenoffenen Markt angewiesen, auf dem sich nach dem Grenznutzengesetz ein Einheitspreisbildet; in jedem Moment seien alle Stellen und Chancen, wo größerer Gewinn zu machensei, besetzt; ein neu eintretender oder ein sein Geschäft ausdehnender Unternehmer müßtestets sein Kapital an der ungünstigsten Stelle verwenden. Es ist eine Annahme, zu dergewisse Tendenzen vorhanden sind, die aber entfernt nie ganz, ja vielleicht für die Mehrzahlder Beteiligten überhaupt nicht zutrifft. Und daher sagen wir lieber, soweit nicht dieoben erwähnte Notnachfrage cingreist, wird der durchschnittliche und bekannte Gewinnin den Unternehmungen die Kapitalnachfrage bestimmen. Deshalb ist der Zinsfuß hochin Kolonialländern, wo Bodenüberfluß, reiche Naturschätze, geringe Zahl von Unter-nehmungen sehr große Gewinne erlauben. Darum steigt der Zinsfuß mit dem wachsendenGewinn, z. B. wenn große Fortschritte der Produktions- und Verkehrstechnik zeitweise undfür ganze Epochen die Gewinne erhöhen wie in Westeuropa 1>45—1880. Der Zinsfußmuß dagegen sinken, wenn in Zeiten stillstehender Technik und mehr stabiler Volks-wirtschaft die Unternehmungen sich nicht ausdehnen, der Gewinn sinkt; wenn alle Ge-legenheiten und Stellen zu guten Aulagen besetzt sind, wenn man schlechteren Bodenbebauen, unrentablere Fabriken anlegen muß, um das Kapital zu beschäftigen. Fürsolche Zeiten können wir sagen, die ungünstigeren neuen Anlagen bestimmen durch ihrengeringen Gewinn den Zinsfuß. In solcher Lage war England 1750—1790, war West-europa bis zu einem gewissen Grade von 1875 —1895. Sinkt der Gewinn von 6—10aus 4—8"/o, so muß auch der Zins bis und 3 °/o heruntergehen, soweit nicht dieKapitalauswandcrung und die Forderungen des Staatskredits eingreifen. Die erstenEisenbahnen, welche die rentabelsten Linien wählten, gaben meist 8—15"/o Gewinn;da mußte der Zinsfuß steigen; heute geben die Eisenbahnen 2—4°/o (auch die altenLinien einbegriffen, deren größerer Gewinn sich sreilich unterdessen in den 1^/s—3 fachenKapitalwert umgesetzt hat), und da muß der Zins entsprechend niedrig sein.
Im ganzen werden wir das Ergebnis unserer Betrachtung dahin zusammenfassenkönnen, daß die Gesamtlage der Volkswirtschaft den Zinfuß bestimme. Fortschreitendetechnische Kultur, bessere Organisation der Volkswirtschaft, Hebnng der wirtschaftlich-technischen und der moralischen Erziehung steigert die Kapitalbildung; große Kapital-