667j Roher und reiner Zins. Einheitlichkeit der Zinshöhe. Kapitalangebot. 299
gekehrt wird verlangen, weniger zu zahlen, wenn andere weniger zahlen. Und so weitdie Kündigung (z. B. bei den meisten Effekten) ausgeschlossen ist, so weit es sich umVerkäufliche, regelmäßig in Verkehr kommende Grundstücke, Gebäude, Fabrikanlagenhandelt, werden diese Kapitalien bei sinkendem Zinsfuß entsprechend im Kapitalwert(im Kurse) steigen, bei steigendem ebenso sinken, so daß der neue Wert des Kapitalsbei gleich gebliebener Rente nun dem mittleren Zinsfuß wieder entspricht. Ein erheb-licher Teil des Steigcns uud Fallens der Bodenprcise und der Effektenkurse ist so eineFolge wechselnden Zinsfußes. Soweit also das Kapital ganz beweglich und jederzeitkündbar ist, so Weit das unkündbare einen großen Markt hat und dementsprechend im 'Werte und Kurse schwankt, so weit ist es richtig, daß der jeweilige Zinsfuß auf dem-selben Markte im ganzen ein einheitlicher ist, nach gleichem Niveau strebt.
Immer aber treffen die erwähnten Bedingungen nur in beschränkter Weise zu.Nur ein Teil der Kapitalien hat diese Beweglichkeit, nur ein Teil der Gläubiger undSchuldner hat die Geschäftskenntnis, den Zugang zum Kapitalmarkt, um an jeder Be-wegung teilzunehmen. Und deshalb ist der Satz, daß die Konkurrenz zur selben Zeit,auf demselben Markte nur einen einheitlichen Satz des reinen Zinses zulasse, nur be-schränkt wahr. In derselben Gegend, derselben Stadt giebt es verschiedene getrennteKapitalmärkte, die sich nicht berühren; die Kreditorganisation führt dem einen leicht,dem anderen schwer oder gar nicht das an sich vorhandene Kapital zu. Der landes-übliche und der kaufmännische Zinsfuß sind oft ganz verschiedene, weil es sich umgetrennte Märkte handelt, die nur langsam sich gegenseitig aushelfen. Wir kommendarauf zurück. Die Errichtung einer Spar-, einer Darlehenskasse hat oft da und dortden Zinsfuß um Vs—1 °/o sofort vermindert, nicht weil sie das Kapital vermehrte,sondern nur weil sie es zugänglicher machte. Doch bleibt es wahr, daß auf demselbenMarkt zur selben Zeit eine Tendenz auf gleiche reine Zinshöhe vorhanden ist. Wasbestimmt sie? Natürlich das Angebot einerseits, die Nachfrage andererseits.
Das Angebot hängt zuerst von der Stärke und Art der Kapitalbildung, die wiroben besprochen haben, dann von der zunehmenden Gewohnheit, erübrigtes Kapital aus-zuleihen, weiter von all' den gesellschaftlichen Einrichtungen und Kreditinstitutioucn,die das Kapital sammeln und dem Bedarf zuführen wollen, ab. Es ist in älterer Zeitimmer mehr ein lokales, später ein von Ort zu Ort, von Provinz zu Provinz, ja vonStaat zu Staat sich nach und nach ausgleichendes- Doch hängt diese Ausgleichungauch heute noch von vielen Umständen ab; der Kapitalexport nach anderen Ländern hatVon Italien und von den deutschen Reichsstädten aus früh begonnen, er hat sich inHolland im 17. und 18. Jahrhundert erheblich entwickelt, großen Umfang erhielt erin den letzten 40—50 Jahren und hat so naturgemäß den Zinsfuß in den reichenLändern etwas erhöht, in den ärmeren ermäßigt. Im allgemeinen können wir sagen,in dem steigenden Kapitalangebot, das wir heute gegen früher konstatieren können,liege die Erklärung des sinkenden Zinsfußes; man wird auch die großen Wechsel desZinsfußes, wie sie noch im 19. Jahrhundert vorkamen, mit der zeitweisen Verschieden-heit des Angebotes und der Kapitaibildung in Zusammenhang bringen dürfen.
Die von den Kapitalintercssenten oft ausgestellte Behauptung, daß sinkenderZinsfuß die Kapitalbildung einschränke, daß dieses Sinken also nicht wünschenswert,ja der Volkswirtschaft schädlich sei, dürfte vor genauerer Prüfung der Thatsachen nichtstand halten. Die Länder und Zeiten des niedrigsten Zinsfußes sind die, welche amstärksten Kapital bilden. Wir werden kaum viele Menschen finden, welche bei sinkendemZinsfuß lieber ihre Ersparnisse, ihre Mittel ausbrauchen und verschwenden, oder welchein solchem Falle lieber eigene Geschäfte anfangen als ihr Kapital ausleihen. Dieleichtsinnigen Verschwender werden nicht durch Zinsfußreduktion zu ihrem Prasserlebenveranlaßt. Auch wer vor der Frage steht, ob er von der Rente leben oder ein Geschäftbeginnen soll, wird nicht in erster Linie von der Zinssußhöhe beeinflußt. Auch wennkünftig der Zinsfuß auf 2 und 1^2°/« sinken sollte, wird dadurch die Kapitalbildungnicht aufhören; man könnte sogar sagen, sie werde einen neuen Impuls erhalten.
Schmoller, Grundriß der Vollswirlschastsl-Hre. II. I.-S. Aufl. 14