208 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung.
Effekten im Zinsfuß herabgesetzt, so daß die Gläubiger einen jährlichen Verlust von1 Milliarde Rente hatten. Die Gläubiger des englischen Staates erhalten von 1888bis 1913 2^4, von 1913—1923 2V2°/o. Auch in den Vereinigten Staaten sank derZinsfuß für ganz sichere Anlagen fast auf 2^/2 °/o, in Mitteleuropa auf 3°/o. Diefranzösische 3°/oige Rente stand 1894 auf 99,9, 1897 auf 103,1; die 3°/vigcnpreußischen und Reichsanleihen hatten 1895 den Parikurs erreicht. Aber mit demgroßen Geschäftsaufschwung stieg der Zinsfuß wieder etwas von 1895—1900, besondersin Deutschland, weniger in England und Frankreich ; die sranzösische 3 °/o ige Rente sank1900 erst aus 99,5, die preußische schon 1899 auf 87,25 , was mit den besonderenGeldmarktverhältnissen Deutschlands , seinen übermäßig gesteigerten Kapitalansprüchenzusammenhängt.
Überhaupt sinkt nicht bloß der kaufmännische, sondern der allgemeine Zinsfuß inden Jahren der Geschästsflauheit wie 1880—1895 und steigt in solchen der Hausse wie1895—1900; solche Schwankungen heben aber das historische Sinken im ganzen nichtauf. Es ist nicht undenkbar, daß der Zinsfuß, wie er im 18. Jahrhundert auf 3, im19. aus 22/4 und 2'/s fiel, so im 20. unter 2, ja bis auf 1^/2 °/o sinkt.
In der vorstehenden kurzen Übersicht sind eine Menge kleiner vorübergehenderHebungen und Senkungen absichtlich nicht erwähnt, weil ein historischer Gesamtüberblickgegeben werden sollte. Ebenso wenig geben die wenigen eingefügten Thatsachen überdie geographischen Verschiedenheiten ein ausreichendes Bild. Noch heute sind die.Differenzen in Europa die allergrößesten. Und ebenso sind sie in verschiedenen Ge-schäftskreisen, socialen Schichten, je nach den Rcchtsformen selbst in den reichen Ländernmit großer Rechtssicherheit vorhanden: hier werden 2—3°/o, dort 6—10 bezahlt.Nebengebühren, Provisionen und Ähnliches spielen mit. Wir kommen darauf teilweisein anderem Zusammenhange zurück. Hier interessiert uns in erster Linie die großehistorische Veränderung einer Zinsermäßigung von 50 auf 3^/2 und 2^/2 °/o, oder wennwir nur bei den reicheren Staaten und letzten 5 Jahrhunderten stehen bleiben, von10 auf 2^/2 °/o. Es ist eine der größten Wandlungen der Volkswirtschaft, der Technik,der socialen Verhältnisse, die sich in diesen Zahlen ausspricht. Wie begreifen wir dieUrsachen am richtigsten?
192. Die Ursachen der Zinshöhe. Zuerst haben wir festzustellen, daßdie als Zins gezahlte Summe (die sogenannte rohe Rente, der rohe Zins) neben derVergütung für die Kapitalüberlassung (der sogenannten reinen Rente) in sehr ver-schiedenem Umfang andere Elemente in sich schließt. So die Bezahlung für Dienst-leistungen, Arbeit aller Art, wenn es sich um kleine auf Tage und Machen gegebeneDarlehen, wenn es sich um die Vermietung von Pferden, Maschinen und Ähnliches handelt..Bei der Hausmiete zahlt der Mieter meist zugleich Steuern, Reparaturen und Derartiges,er muß serncr dem Eigentümer die Abnutzung ersetzen, die bald Vivo, bald V20 desHauswcrtes sein kann. Schon unter etwas anderen Gesichtspunkt fällt das Risiko,das der Eigentümer eines Kapitals mit der Verleihung läuft; es kann so groß sein»daß eine sehr hohe Risikoprämie im Zins steckt. Wenn ein Geldverlciher jedes Jahr^20 seiner Kapitale verliert, wird er neben dem reinen Zins 5°/o allein hiefür ver-langen. Je größer früher die Rcchtsunsicherheit war, desto mehr kam dieses Moment inBetracht; es erklärt heute noch einen großen Teil der Zinsverschiedenheiten.
Kommen wir so zu der Erkenntnis, daß aller reine Zins weniger zeitliche, örtlicheund persönliche Verschiedenheit zeigt als der rohe, so bleiben doch auch sür ihn nochgroße Abweichungen. Aber zur selben Zeit, auf demselben Markte Pflegt man zu sagen,muß er dieselbe Höhe haben. Dies ist so weit wahr, wie volle gesetzliche Freiheit derKapitalbewegung besteht, wie jeder Kapitalbesitzer die Zinshöhe in allen Anlagen kennt,wie gleiche Gefahr vorhanden ist, wie eine vollendete Kreditorganisation und Geschäfts-kenntnis jedem ohne viel Kosten gestattet, seine Kapitalanlagen zu ändern, sich derjeweilig günstigsten Anlage zuzuwenden. Soweit solche Bedingungen zutreffen, wirdjeder Gläubiger an einer steigenden Zinskonjunktur teilnehmen wollen, also wenn erbisher weniger erhielt, kündigen und so viel wie andere fordern; jeder Schuldner um->