Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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212 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u, der Einkommensverteilung. ^<j70

gesunkenen Unternehmungslust sammelt sich das Kapital in den Banken viel stärker anals auf dem übrigen Kapitalmarkt. In Zeiten der Hausse und Gcschäftsblütc trittEbbe in den Banken ein, ohne daß es möglich wäre, aus den festen Anlagen der all-gemeinen Kapitalmassen große Zuschüsse zu bekommen. Im Gegenteil, viele Gefchäfts-ausdehnungen werden mit kurzem kausmännischen Kredit gemacht, für die man besserlangfristigen Kredit hätte heranziehen oder das Geschäftskapital vergrößern sollen. Unddeshalb bildet dieses Bankkapital, mit welchem die Banken arbeiten, einen Markt fürsich. Es handelt sich da überwiegend um Kreditgeschäfte sür Tage, Monate, höchstensViertel- und Halbjahre. Innerhalb dieser Termine haben die Banken so viel Kapital,,als ihr eigener Geschäftssonds ausmacht, als ihre Kunden ihnen in Depositen undanderer Form zuführen oder kreditmäßig von ihnen nehmen, so daß durch diese imganzen für sich bestehenden Größcnverhältnisse der kaufmännische oder Bankzinsfuß be-stimmt wird.

Er ist selbst wieder kein einheitlicher; er zerfällt zunächst in den Zinsfuß, zu demdie Banken vom Publikum leihen und den, zu dem das Publikum bei ihnen Krediterhält. Geschieht das erstere in Form von Obligationen, so fällt es unter die Gesetzedes landesüblichen Zinsfußes; geschieht es in Form von jederzeit zurückziehbaren oderin kurzer Frist kündbaren Depositen, sowie in der Form der laufenden Rechnung, soist der Bankier stets nur in der Lage, einen Teil dieser ihm Angeführten Kapitalien zunützen, einen anderen muß er bar in der Kasse behalten, um die Rückzahlungen zu machen,Anweisungen und Checks auf die Depositen zu honorieren. So muß der Zinsfuß, dender Bankier sür derartig eingezahlte Gelder gewährt, niedriger sein als der, zu demder Bankier ausleiht; beide müssen eine Differenz zeigen, mindestens so groß, daß demBankier die Kassenhaltung möglich und seine Arbeit und sein Risiko vergütet wird.Am höchsten noch können mit dem Tepositcnzins die Banken gehen, welche, im Vertrauenauf den Kredit bei höheren Banken, fast keine oder wenig Kasse halten. In England verzinsen die Makler und Diskonthäuser alle Depositen, die größeren Banken nur die,welche 7- oder 14tägige Kündigung haben oder den Betrag, der durchschnittlich 3, 6und 12 Monate bei ihnen steht, die Bank von England verzinst die Depositen gar nicht,weil sie sür alle anderen Banken die Mctallreserve halten muß. Die deutsche Reichs-bank verlangt von jedem, der am Giroverkehr teilnimmt, auch ein unverzinslichesDepositum,wofür sie die Giroübcrtragungen unentgeltlich ausführt. Im übrigen giltallerwärts Ähnliches wie in England . Der Depositenzinsfuß ist meist iVs2, seltener3°/o; er steigt etwas bei guter Konjunktur, wenn es gilt Depositen anzulocken, er istsast stets 12°/o unter dem kaufmännischen Zinsfuß, zu dem der Bankier verleiht.

Dieses Leihgeschäft zerfällt in den Wechsel-, den Lombard-, den Buchkredit, endlichin das Report- und Deportgeschäft. Über letzteres zuerst ein Wort. Der Hausse-spekulant, der gekauft hat, um vor dem Schluß des Monats wieder zu verkaufen, aberdas nicht mit Gewinn thun konnte, setzt seine Spekulation durch ein Reportgeschäft fort,d. h. er giebt die Waren oder Effekten, die er gekauft hat, bei einem Bankier, wie mansagt in Kost, d. h. dieser zahlt sür ihn, läßt sich von ihm einen Zins, den Report, geben,und der Spekulant nimmt die verpsändeten Wertobjekte an dem Termin zurück, der aus-gemacht ist. Der Baissespekulant macht das Deportgeschäft; er soll liesern, konnte abernicht billig genug kaufen, er leiht gegen den Deportzins die Effekten und giebt sie nachAblauf des meist kurzen Termins zurück. Das Report- und Deportgeschäft erfolgt alsKauf und Verkauf der Effekten, und der Zins ist enthalten in der Differenz des An- undVerkaufspreises. Der Geldkapital benötigende Haussier verkauft das ihm gelieferte Papierzu einem niedrigeren Kurse, als er es in bestimmter Frist (in der Regel der nächsteUltimo) zurückzuerwcrben verspricht; der Effekten benötigende Baissier zahlt heute einenhöheren Preis als der ist, zu dem er den späteren Wiederverkauf erfüllt. Wenn dieKapitalbcdürfnisse der Hausse- und die Stückebcdürinisse der Baissepartei sich für einPapier gerade ausgleichen, so entsteht weder der Deport- noch Reportzins. Die Report-und Deportgeschäfte kommen hauptsächlich dann vor, wenn bei starken Preiswechselnbestimmte Händlcrgruppcn sich in der oder jener Spekulationstendenz noch länger halten