398 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlanscs u. der Einkommensverteilung, s^giz
Werden sich stets alle die anbieten müsse», die sonst keine bessere Stelle gefunden,nichts Specielleres erlernt haben.
Der lebendigste Ausdruck der Größe des Angebots liegt in der Zahl derer, diezeitweise keine Arbeitsstelle finden, in der Zahl der Arbeitslosen. Die Furcht vor derArbeitslosigkeit ist das Gespenst, vor dem jeder Arbeiter zittert, das seine Schwächeausmacht. Die zeitweise Zunahme der Arbeitslosigkeit war seit 5V Jahren am stärkstenin den Vereinigten Staaten und England , aber auch in den Großstädten und Fabrik-bezirken Westeuropas fehlte sie nicht; sie trat zurück zur Zeit der Geschäftsblüte, ohneganz zu verschwinden. Ein halb, ein Prozent der Arbeiter müssen in den erwähntenLändern Wohl jederzeit stellenlos sein; der große Stellenwechsel, die Ortsveränderung,die Krankheiten, die Saisonarbeit bedingen das. Sobald es aber mehr sind, ent-steht ein schlimmer Druck auf den Lohn. Ganz sichere Zahlen haben wir nicht, dudie Statistik auf diesem Gebiete noch eine sehr unvollkommene ist. Man zählte inDeutschland 14. Juni 1895 1,85 °/o, 2. Dezember 1895 4,78 °/o der Arbeiter alsArbeitslose. Für Nordamerika wird die Zahl zeitweise auf 30 °/o, für England in denachtziger Jahren auf 7—15°/o angegeben; nach Wood schwankte sie dort 1860-1891in einer Anzahl Industriezweigen zwischen 0,9 (1872) und 4,7-8°/° (1867 und1886). Auf die Ursachen können wir hier nicht näher eingehen; es sei nur bemerkt,daß die Zahl der Arbeitslosen wachsen kann, weil an sich zu wenig Stellen für denBetreffenden da sind, oder weil Angebot und Nachfrage sich nicht treffen. Dem letzternübelstand wird durch die Arbeitsnachweisansialten besser als durch die ungenügendenund oft unlauteren privaten Vermittlergeschäfte entgegengewirkt. Vereine der Arbeit-geber und Arbeiter einerseits, paritätische Vereine und kommunale Ämter andererseitshaben begonnen, erstere im einseitigen Klasseninteresse, letztere im unparteiischen Gesamt-interessc, den Arbeitsnachweis zu organisieren. Die Entwickelung dieser Organisationsteckt noch in den ersten Anfängen; aber au dem heftigen Kampf der socialen Klassenum den Besitz des Arbeitsnachweises sehen wir heute schon, daß mit der Herrschaft überden Arbeitsnachweis Machtmittel sehr einflußreicher Art gegeben sind, welche sich bisauf die Lohnhöhe und die Arbeitsbedingungen überhaupt erstreckeu. Das ist nur ver-ständlich, wenn wir im Auge haben, daß es eben so sehr auf die Art und die Dringlichkeitdes Angebots ankommt wie aus seine Größe. Der in unparteiischen Händen unterGemeinde- und Staatskontrolle organisierte, über ganze Länder centralisierte Arbeits-nachweis wird ohne Zweifel künstig nicht bloß einen großen Teil der Arbeitslosigkeitbeseitigen, sondern das ganze Arbeitsverhältnis und die Lohnhöhe bis auf einen ge-wissen Grad beeinflussen (vergl. unter § 224 S. 382 ff.).
Ein Teil des Arbeitsnachweises liegt jetzt schon in den Händen der gewerkschaftlichorganisierten Arbeiter. Wir können aus ihre Organisation, deren Verbreitung und Be-deutung an dieser Stelle nicht eingehen (vergl. unter § 226). Wir haben hier nur daranzu erinnern, daß durch das ganze Gewerkvereinswesen, noch mehr als durch den allge-meinen Arbeitsnachweis, die Art geändert wird, wie das Arbeitsangebot auf den Marktkommt und wirkt. Die englischen, gewerkschaftlich organisierten Arbeiter umfassen heute sastzwei Millionen Arbeiter; diese bieten sich nur zu bestimmtem Lohn an; die Arbeitslosenerhalten Unterstützung; bei ihrem Anwachsen wird ein Teil ins Ausland befördert.Hierdurch und durch die organisierten Kämpfe um Lohn und Arbeitsbedingungen werdennicht nur für die Gewerkvereinsarbeiter, sondern sür die ganze englische Arbeiterschaftgünstige Resultate erzielt, welche eben auf der Organisation und Taktik des Angebots,auf der so bewirkten Machtverschiebung, nicht auf der Zahl der Arbeiter beruhen.
Sind im vorstehenden die wichtigsten Fälle aus neuerer Zeit angeführt, wiedie Wirkung des Arbeitsangebots durch Organisation und Institutionen beeinflußtwerden, so ließen sich daneben aus alter und neuer Zeit noch viele Fälle nach-weisen, wo moralische Überzeugungen, Sitte und Recht, Marktordnungen und Kon-kurrenzrcgulierung, wirtschaftliche Nebenbeschäftigung und andere Umstände bedeutendenEiufluß auf die Art und Dringlichkeit des Angebots ausgeübt haben. Wir gehendarauf aber des Raumes wegcu hier nicht näher ein.