Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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765^ Lebenshaltung und Leistungsfähigkeit. Arbeitsangebot. Zy?

ein großes, oft ein übergroßes, weil es sich um bereits dicht bevölkerte Länder alterKultur mit geringen Flächen unbesetzten Ackerbodens, und bis zur neueren Agrargesetz-gebung um eine geringe Möglichkeit intensiveren Ackerbaues handelte. Die bevölkerungs-hemmende Politik jener Zeit hatte die Zunahme vermindert, aber nicht aufgehoben.Als jene Politik 1789 1860 in der Hauptsache fiel, Technik und Wirtschaftslehreden hoffnungsvollsten Optimismus predigten, wurde die Bevölkerungszunahme diestärkste, welche je das Menschengeschlecht erlebte. Das Angebot von Arbeitskräftenmußte so in den alten Kulturländern leicht über die Arbeitsgelegenheit hinaus wachsen,während umgekehrt in den Kolonien mit europäischer Bevölkerung unendlicher Boden-überfluß dem Mangel an Arbeitskräften gegenüberstand. Daher hier im ganzen hoher,dort niedriger Lohn.

In mehreren Ländern Westeuropas, in Frankreich, England, Schweden, Nor-wegen, teilweise auch in anderen Gebieten Mitteleuropas hat die Bevölkerungszunahmeseit 25 30 Jahren erheblich nachgelassen. Es scheinen allgemeine und dauerndeUrsachen neben vorübergehenden hierauf gewirkt zu haben. Soweit ersteres der Fallist, liegt darin auch die Wahrscheinlichkeit einer dauernden Einschränkung des Arbeits-angebots, einer Annäherung der ehelichen Sitten und Geschlechtsgepflogenheiten derunteren Klassen an die des Mittelstandes, was sür die Lohnverhältnisse nur günstigsein könnte. Doch fragt es sich, ob und in wie weit das auch für Deutschland imganzen gelte, ob nicht, wenn es der Fall ist, die östlich slavische Zuwanderung um soviel stärker werde.

Es genügt überhaupt nicht, die Bevölkerungsbewegung ganzer Länder insAuge zu fassen. Wir bemerken in jedem Lande dicht und sparsam bevölkerte Kreise undProvinzen; hier Stabilität, dort raschen Wechsel und große innere Wanderungen, hierEin-, dort Auswanderung. Alle diese Ursachen bewirken zeitlich und örtlich ein sehrverschiedenes und teilweise auch ein sehr wechselndes Angebot. Je nach dem Umfangder Nachfrage kann auch die sparsam bevölkerte Provinz zeitweise ein Überangebot vonArbeitern haben. Um ganz stabile Verhältnisse handelt es sich nirgends; es fragt sichüberall, wie die wechselnde Bevölkerungsbewegung und die wechselnden Wanderungensich zu dem Wechsel der Nachfrage Verhalten. Und nie ist zu vergessen, daß sür diesegroßen Bewegungen zwar die Lohnhöhe eine von vielen, aber keineswegs die alleinausschlaggebende Ursache bildet, wie Ad. Smith sich einbildete, als er lehrte, Lohn-steigen und -sallen werde auch die Bevölkerung stets richtig regulieren. Unter densekundären Ursachen der Bevölkerungsbewegung stehen die Bevölkerungs -, Nieder-lassungs-, Wanderungs- und Kolonialpolitik oben an; ihr Ziel muß immer sein, daswachsende Angebot in richtiger Proportion zur Nachfrage zu halten.

Wir sprachen bisher von der Bevölkerung im ganzen; nur ein Teil derselben,ein recht verschiedener je nach der Verteilung des Grundeigentums, des Vermögensüberhaupt, je nach der ganzen socialen Gliederung, der Erhaltung des Mittelstandessucht Lohngelegenheit; und vom ihm ist wieder nur ein Teil ganz besitzlos, also beimAngebot in der schlechten Lage, aufs dringlichste um jeden Preis sich anzubieten.Eine Gegend der Kleinbauern und Kleinhandwerker, wie Südwestdeutschland , hat relativweniger Lohnarbeiter; die vorhandenen drücken weniger aus den Markt.

Teils lokal, teils dem Beruf nach zerfällt das Angebot der Arbeit in eine Reihemehr oder weniger selbständiger Teile. Die heutige Freizügigkeit und Gewerbefreiheithaben zwar den Übergang von Ort zu Ort, von Beruf zu Beruf erleichtert. Aberauch heute noch sind Wanderungen und Berufswechsel nicht so stark, wirkt ein hoherLohn in einem Berns und einer Gegend nicht so rasch auf Andrang, daß der Ausgleichleicht und schnell sich vollzöge. In den verschiedenen Berufen und Gewerben wirddas Angebot reguliert durch die Anziehungskraft und Beliebtheit derselben, durch dieSchwierigkeit der Ergreifung, welche von körperlichen und geistigen Eigenschaften, Er-ziehungskosten, Gelegenheit der Vorbildung abhängt; je leichter ein Beruf zu erlernenist, desto größer wird der Andrang sein, desto leichter werden auch Leute in älterenJahren zu ihm übertreten können. Für die geringsten und unangenehmsten Arbeiten

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