Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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306 Drittcs Buch- Der gesellschaftliche Prozeß des Giitcrumlaufcs u. der Einkommensverteilung,

Je nach den Kulturzuständen und Menschen werden sich die Prozesse verschieden ab-spielen. Hauptsächlich aber wird man folgenden Unterschied machen können.

Rohe, träge Arbeiterklassen, wie schlecht ernährte, kraftlose, herabgekommenewerden ein Lohnsteigen nicht ohne weiteres zur Verbesserung der Lebenshaltung be-nutzen. Sie werden bei Mehrverdienst ost statt 6 nur noch 4 oder 3 Tage in derWoche arbeiten; ihr Horizont ist nicht so weit, daß sie ein Leben seinerer Art, einebessere Kindererziehung, eine bessere Wohnung zu schätzen wissen; sie werden bei Lohn-steigerungen sich vielleicht rascher vermehren, überhaupt leichtsinniger in den Taghinein leben. Geistig, sittlich und technisch hochstehende Arbeitergruppen dagegen, welchedie Bedürfnisse des Mittelstandes, ja der höheren Klassen wenigstens aus der Fernekennen, diese darum beneiden, werden ihre Lebenshaltung steigern, sobald es der Lohngestattet, immer natürlich in dem Maße, in der Art, wie ihre Nerven, ihre moralischenVorstellungen, ihre Sitten und Lebenseinrichtungen das Neue und Bessere in das Her-gebrachte einzufügen verstehen.

Der Herabsetzung der Lebenshaltung leisten alle Menschen einen gewissen Wider-stand, aber nicht den gleichen. Er ist geringer bei Menschen niedriger Kultur, zumalwenn sie isoliert leben, aus ihrer gewohnten socialen Umgebung herausgerissen, ganzneuen Verhältnissen gegenüber stehen. Der Bauer alten Schlages, der Zunftmeister, derfrühere Bergmann hat ebenso gegen jede Verschlechterung energisch gekämpft, wie esheute der organisierte Arbeiter, der ganze Mittelstand, die höheren Klassen thun. DerNichtorganisierte Heimarbeiter, der frühere vom Land in die Stadt gezogene Fabrik-arbeiter, der aus der Natural- in die Geldwirtschaft versetzte Tagelöhner war meistnicht recht fähig, seine Lebenshaltung zu behaupten; er lebte ja in ganz neuen Ver-hältnissen, da sahen es seine Verwandten, seine bisherigen Nachbarn nicht, wie schlechter wohne, wie kümmerlich es ihm gehe. Es ist ein großer socialer Fortschritt, wennauch die Arbeiter sich hiergegen wehren, wenn das sociale Ehrgefühl die Verschlechterungnicht duldet, wenn der Mensch zuletzt lieber zu Grunde gehen, als sich der deklassieren-den Lebensverschlechterung fügen will.

Die technisch-wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ist natürlich bei den Individuennach körperlicher und geistiger Begabung, Erziehung, Lebensschicksal sehr verschieden.Aber im Durchschnitt hat jede Arbeiterklasse eine gewisse Leistungsfähigkeit, welche denRasseeigenschaften, der Lohnhöhe und der Lebenshaltung entspricht. Lohn und Lebens-haltung bedeuten eine gewisse Art der Ernährung und damit der Kraft, eine gewisseArt der Schul- und technischen Bildung. Die Nationen mit hohem Lohn und hoherLebenshaltung der Arbeiter sind zugleich die, welche die leistungsfähigsten Arbeiterhaben. Und deshalb vor allem muß hoher Lohn und Steigerung der Lebenshaltungeine Aufgabe jeder vernünftigen Wirtschafts- und Socialpolitik sein.

Für die Untersuchung der Lohnhöhe und ihrer Bewegung haben wir nun davonauszugehen, welchen herkömmlichen Verdienst, welche Lebenshaltung die Personen hatten,aus welchen sich der von 15001850 entstehende Arbeiterstand rekrutierte, wie darauseine bestimmte Lohnhöhe sich bildete, und wie aus ihn Angebot und Nachsrage wirkten.Wir werden sagen können, der herkömmliche Verdienst und die Lebenshaltung der ver-armenden Kleinbauern, der überzähligen Hörigen, der Handwerksgesellen, dienicht Meister werden konnten, habe zunächst Lebenshaltung und Lohnhöhe der eigentlichenLohnarbeiter bestimmt, und zwar seien vorwiegend die Personen maßgebend gewesen,welche, aus den alten Verhältnissen gelöst, die Sitten und Gewohnheiten der Natural-wirtschaft aufgeben, den neuen Verhältnissen der Geldwirtschaft, dem städtischen Markte,den neuen Betriebsformen sich anpassen mußten. Es ist hiernach schon begreiflich, daßmit der Bildung der neuen Lohnarbeiterklasse die gesellschaftliche Stufenleiter sich stärkerdifferenzierte als früher, daß der neue Geldlohnarbeiterstand seine Laufbahn mit mäßigenoder gar kümmerlichen Löhnen eröffnete.

Gehen wir nun zur Untersuchung von Angebot und Nachfrage über.

d) Das Angebot an Arbeitskräften, die um Lohn zu arbeiten bereitsind, war in den westeuropäischen Staaten vom 16. bis 19. Jahrhundert überwiegend