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Witwenversicherung. Die treibenden Kräfte.
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ihrer Ausgestaltung, ihrer Organisationsformen. In ersterer Beziehung kommenin Betracht die Arbeiter selbst, die Arbeitgeber, die Versicherungsgesellschaften, die Regie-rungen und parlamentarischen Kreise, die Versicherungs- und socialpolitische Wissenschaft.
In der Arbeit er Welt bestanden im 19. Jahrhundert zwei starke Strömungen,die dem Hülfskassen- und Versicherungswesen günstig waren; im übrigen aber waren her-gebrachte wirtschaftliche Gewohnheiten, Mangel an geschäftlicher Bildung als schwere Hemm-nisse zu überwinden. In breiten Schichten der Arbeiter und Kleinleute lebte zunächst noch deralte Gilde- und Genossenschaftsgeist mit seiner Neigung zu brüderlicher Hülfe, mit seineusympathischen Gefühlen; in den oberen und mittleren Klassen viel mehr durch Erwerbs-trieb, Genußsucht erstickt, begünstigte er in diesen socialen Schichten die Erwerbsgenossen-schaften, die Gewerkvereine, den politischen Zusammenschluß und gesellige Vereine allerArt, aber auch die Hülsskassenverbände. Im Anfang des neueren Hülfskassenwesens,teilweise auch später, rief dieser Genossenschaftsgeist Gebilde ins Leben, die alle dieseVereinszwecke zugleich umspannen wollten; später schieden sie sich mehr. Der Gildegeistmußte sich nun aber im Arbeiterversicherungswesen mit der mehr privatrechtlich in-dividualistischen Tendenz des Versicherungsgeschäftes auseinander setzen, was ihm nichtleicht wurde. Es fehlte in den eigentlichen Arbeiterkreisen an den kaufmännischen Kennt-nissen und Sitten, um Kassen mit komplizierten Rechnungen zu führen; die sich selbstüberlassenen Vereine, zumal wenn sie zugleich Geselligkeit pflegten, unterlagen immerwieder der Versuchung, zu viel für Feste auszugeben, die Gelder zu verteilen. Mißbräuchealler Art, schlechte Verwaltung, Unfähigkeit, mit der fernen Zukunft zu rechnen, hörtenlange nicht auf. Erst sehr langsam'wich der alte, für den Moment hülfsbereite, aberleichtsinnig in den Tag hinein wirtschaftende Sinn den festen Formen und versicherungs-technisch geprüften Rechtsansprüchen einer modernen Hülfskasse.
Das erwachende sociale Selbstbewußtsein des Arbeiterstandes erzeugte, wie aufanderen, so auf diesem Gebiete den Wunsch nach Selbsthülfe, die Freude an selbst-gegründetcn oder selbstverwalteten Hülfskassen, den Sinn für eine Versicherungsthätig-keit, wie sie im Mittelstand schon vorhanden war. Die Agitation für Hülfskassen allerArt wurde ein wichtiger Bestandteil der ganzen neueren socialen Bewegung. Aber dieFührer derselben hatten doch mehr an der politischen, gewerkschaftlichen oder sonstigenBewegung Interesse als an der Arbeiterversicherung; manche Formen derselben schienenihnen für diese eher hinderlich als förderlich, und wir sehen daher die Arbeiterführeroft Gesetze, Organisationen, Kassen bekämpfen, die an sich der Arbeiterversicherungdienten, sie praktisch förderten.
Die Arbeitgeber haben nicht überall und nicht jeder Zeit Verständnis für dieArbeiterversicherung gehabt. Aber da und dort waren sie hergebrachtermaßen mit Hülfs-kassen vertraut und sahen deren Nutzen. In manchen Ländern und Gegenden beseelteein humaner Geist der Fürsorge besonders die größeren Unternehmer; bald wuchs auchdie Einsicht, daß die Errichtung und Unterstützung dieser Kassen ein Machtmittel, jaeine gute Kapitalanlage sei. Je grüßer die Unternehmungen wurden, desto mehr ge-schah; die durch die Patrone geführte Verwaltung war meist billig, kostete oft garnichts, stellte sich leichter auf richtigen versicherungstechnischen Boden als die von denArbeitern allein verwalteten Kassen. Meist aber verstanden diese patronisierten Ein-richtungen nicht, in den Arbeitern das eigene Interesse entsprechend zu wecken.
Das Lebensversicherungsgeschäft machte schon im Interesse seiner Geschäfts-ausdehnung seit 50—60 Jahren Versuche, auch für die kleinen Leute thätig zu sein; wirerwähnten schon, wie gänzlich ihm die Krankenversicherung mißlang, wie es nur inEngland und den Vereinigten Staaten die sogenannte Volksversicherung in weite Kreisezu tragen verstand. Aber schon diese Versuche wirkten; die Techniker der Versicherunggingen aus dieser Schule hervor. Die seit 1860—1880 beginnende Unfallversicherung derAktiengesellschaften war die Vorbereitung für die späteren großen Unfallkorporationen.Die ganzen Mißbräuche des kapitalistischen Versicherungswesens wiesen auf die öffentlich-rechtliche Ordnung des Arbeiterversicherungswesens hin.
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