354 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. ^812
englischen Schriftsteller, welche neuerdings für 60-, 70- oder 75jährige UnbemittelteAltersrenten projektierten, kommen mit 65 Jahren schon zu 200 Mill. Mk. jährlichenKosten, bei früher einsetzenden Renten sogar zu jährlich 400 Mill.
Außerdem sind hier kleine örtliche Kassen nicht ausreichend wie bei der Kranken-versicherung; nur in großen Verbänden gleicht sich der Zusall aus; nur solche könnensür Jahrzehnte die enormen Kapitalbestände ansammeln, wie sie nötig sind, um Tausendevon Rentenzahlungen für Jahrzehnte sicher zu stellen. Die richtige Berechnung derBeiträge im Verhältnis zu den Renten und der sie sicherstellenden Kapitalien bot sehrgroße Schwierigkeiten —, man brauchte dazu Absterbetafeln und Jnvalidentafeln, die denkonkreten Verhältnissen der Arbeiterklasse entsprechen. Waren schon die statistischenGrundlagen der Erkrankungshäufigkeit, auf denen die Krankenkassen, wenn sie sicherarbeiten sollten, sich aufbauen mußten, schwer zu beschaffen — in England hat man erstseit 1880 brauchbare —, so konnte man sie doch sür die Krankenkassen eher entbehren; mankam in Kassen mit gesichertem Mitgliederbestand aus, wenn man jährlich soviel ein-legte, wie man im Jahre brauchte und wie genügte, eine 2—3jährige Jahresausgabeals Reserve zu sammeln. Auch die deutsche Unfallversicherung begnügte sich mit einerUmlage des Jahresbedarfs und der Ansammlung stärkerer Reserven. Für die Alters-und Invalidenversicherung aber muß man das versicherungstechnisch vollendete Verfahreneinschlagen, das Prämiendeckungsverfahren, das so viel für jeden Versicherten erhebt,daß die für ihn gemachten Einzahlungen stets der Wahrscheinlichkeit seiner Invaliditätentsprechen. Die ersten halbwegs für sie brauchbaren Beobachtungen stammen in Deutsch-land aus der Zeit 1869—1885, und sie waren doch noch so unsicher, daß nur mit sehrhohen Zuschlägen ihre mathematische Benutzung möglich schien. Nach den damaligenErfahrungen rechnete man auf jährlich 148 333 Invaliden in Deutschland , nach denrektifizierten von 1898 sind es 88 626. Daher jetzt die großen Überschüsse. Hätte mansich nach der entgegengesetzten Seite geirrt, so wären ungeheure Deficits vorhanden. Dieungewöhnliche Schwierigkeit der wirtschaftlichen Sicherstellung großer Alters- und Jn-validenkassen springt hiemit klar ins Auge.
t) Die Witwen- und Waisenversicherung ist die notwendige Ergänzung der In-validenversicherung. Nur selten kann eine alleinstehende Frau ohne Besitz für sich undmehrere Kinder sorgen; geht sie den ganzen Tag auf Arbeit, so muß sie ihre Kinder ver-nachlässigen; auch wenn sie etwas verdient, muß sie einen Zuschuß haben, den oft Ver-wandte oder zuletzt die Armenkasse geben, der ihr aber viel besser in der Form der Ver-sicherung einer Rente verschafft wird. Die Schwierigkeiten der Durchführung sind auchhier die gleichen wie bei der Invalidenversicherung: der Verdienst ist in guten Tagenohnedies meist nicht so groß, daß viel an Beiträgen dieser Art gezahlt werden kann. Inden Knappschafts- und Eisenbahnkassen und in den Pensionskassen großer Werke istfreilich auch schon lange für die Witwen und Waisen einer kleinen Elite der Arbeitergesorgt. Große Stiftungen und Zuschüsse der Werke haben das bei mäßigen Beiträgenauch ohne streng versicherungstechnische Grundlagen ermöglicht. Eine allgemeine Durch-führung hat man in Deutschland bis jetzt sür unmöglich gehalten. Die Grundzüge derdeutschen Invalidenversicherung von 1887 nahmen die Kosten auf jährlich 119^4 Mill. Mk.an, was neben den jetzigen Kosten sür die Invaliden von 156 Mill. zunächst nicht auf-zubringen sei. Auf denselben Boden stellte sich die Reform von 1899 mit der Berufungauf den noch zu geringen Wohlstand des Landes. Der Grund dürfte bei der guten Lageder Jnvalidenanstalten kaum triftig sein. Der Seeberufsgenosfenschaft hat man zu ihrerUnfall- auch die Invalidenversicherung im Gesetz vom 13. Juli 1399 (H 11) übergebenunter der Bedingung, daß sie auch eine Witwen- und Waisenversicherung einrichte.Die nächste Zeit wird in Deutschland und anderwärts diesen Teil der Arbeiterversicherunggewiß zur Durchführung bringen.
220. Die Durchführung der Arbeiterversicherung im allgemeinenund speciell in Englandund Frankreich . Nach diesen Bemerkungen über dieHauptarten der neuen Arbeiterversicherung und über die Voraussetzungen ihrer Entstehungsragcn wir nach den lebendigen Kräften, die sie ins Leben riefen, und der Art