Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Die Notwendigkeit der Unfall-, Invaliden- und Altersversicherung.

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Familie verwendbar. Aber es fragt sich, wie weit das geht, und inwieweit die Familiendie Last und den Unterhalt solcher Leute ertragen können.

Ein Jahrtausende währender Erziehungsprozeß hat die Pflicht den Kindern ein-geschärft, für die alten Eltern und Verwandten zu sorgen. In der patriarchalischenFamilienwirtschast, zumal auf dem Lande, geschieht heute noch vieles in dieser Richtung,nicht bloß sür die Verwandten, sondern auch für Dienstboten. Der arbeitsschwach ge-wordene Bauer erhält vielfach noch von feinem Sohne, der den Hof übernimmt, denAltenteil, d. h. Wohnung und die notwendigen Naturalien. Der schwächer werdendealte Handwerker, Kleinhändler, Kaufmann, dem ein kräftiger Sohn zur Seite steht, kannoft noch lange im Gefchäfte scheinbar seine Rolle ausfüllen; oft freilich zu dessenSchaden und nicht ohne harte Reibungen. Aber allerwärts wird die derartige Ver-sorgung der Alten schwieriger, zumal in der Stadt, in der verkleinerten Familienwirt-schaft, bei den Unbemittelteren. Mit dem Siege der Geldwirtschaft, der heutigen Frei-zügigkeit und Beweglichkeit, der heutigen Lockerung der Familienbande, heißt es möglichstfür jeden einzelnen, so viel erwerben, so viel sichern, daß er im Falle dauernderArbeitsunfähigkeit und im Alter auf sich stehen kann.

Aller Eigentumserwerb, jedes Sparkassenbuch giebt nun eine gewisse Sicherheit fürAlter und Invalidität. Und wo kleinbürgerliche Verhältnisse vorherrschen, wo dieArbeiter sehr sparsam sind, wo leicht mit dem ersparten Kapital ein Häuschen, einFleck Ackerland, eine kleine Schankwirtschaft, eine Hökerei zu erwerben ist, da mögenmanche Arbeiter mit einem kleinen Kapital in der Hand sich so im Alter leidlichstellen, auch damit gut für ihre Kinder sorgen, wie wir einleitend es schon bemerkten.Dies hat man besonders in Frankreich betont und gegen die Altersversicherung an-geführt, von Thiers im Jahre 1848 bis zu Cheysson im Jahre 1902. Aber esist dagegen zu fagen, daß solche Altersversorgung, je größer der Arbeiterstand wird,desto weniger zureicht, daß auch leicht der Arbeiter, der ein Häuschen, ein kleines Ge-schäft kauft, dabei übel fährt, sein Eigentum aufs Spiel setzt, dem Geschäft nicht rechtvorstehen kann. Das spricht auch gegen alle Altersversicherung der Lohnarbeiter aufein festes Kapital, statt auf eine Reute, die nicht verloren gehen kann, die den nochmöglichen kleinen Verdienst des Invaliden ergänzt. Die Invaliden- und Altersversiche-rung mit dem Anspruch auf eine lebenslängliche Rente wurde daher 18851900 immerdringlicher in den entwickeltsten Kulturstaaten angestrebt. Ohne eine solche sind dieinvaliden und alten Arbeiter der Armenkasse verfallen, wie man in England und ander-wärts sieht.

Aber leicht durchzuführen ist sie nicht; sie begegnet größeren Schwierigkeiten alsdie Kranken-, Sterbegeld- und Unfallversicherung. Die jungen Arbeiter vor der Zeitder Verheiratung, welche am ehesten Versicherungsbeiträge für sie zahlen könnten, sehendie Zeit der Invalidität und des Alters als eine so ferne vor sich, daß sie kein Opfersür sie bringen wollen; auch später sind nur die wenigsten freiwillig dazu zu bringen;in den ersten 515 Jahren der Ehe kämpfen sie mit mehreren kleinen Kindern denschwierigsten Kampf ums Dasein; versichern sie sich erst vom 40. Jahre an, so wird dieSache zu teuer. Eine bloße Altersversicherung, die eine Rente jedenfalls erst vom 65.oder 70. Jahre an giebt, nützt nichts und lockt nicht. Sehr viele Arbeiter erreichen diesesAlter gar nicht; die meisten haben vorher schon eine geschwächte Arbeitskraft, braucheneine Invalidenrente für eine frühere Zeit. Nur ein Zwang zur Versicherung, wie ihnerst die Bergwerke, dann die Eisenbahnen und andere große Geschäfte für ihre Arbeiter,neuerdings die Staatsgewalt in Deutschland für alle übte, hat zu brauchbaren Resul-taten geführt. Aber sie waren nur unter Überwindung großer Schwierigkeiten undWiderstände zu erreichen. Die große Zahl der Personen und hohe Kosten erschwerendas Werk, auch wenn man die Renten sehr mäßig ansetzt. Bödiker meinte schon imAnfange des deutschen Versicherungsplanes, die Unfallversicherung werde 1, die Kranken-versicherung 3, die Invalidenversicherung 5 °/o der Löhne kosten. Für die Zeit dervollen Durchführung schätzte man schon 18881889 die jährlichen Kosten auf 237 Mill.Mark, also 6080 Mill. höher als das ganze öffentliche deutsche Armenwesen. Die

Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. I.S. Aufl. 23