Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Das deutsche Krankenkassengesctz.

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ehrenamtlichem, gewähltem Vorstande, Generalversammlung (Delegiertenversammlung,wenn es über 500 Mitglieder sind), mit einer großen Selbständigkeit der lausendenVerwaltung, Arztanstellung, Entscheidung über Krankengeld u. s. w. Die Hauptfragefür ihre sociale und wirtschaftliche Bedeutung ist aber die, wie es gelungen ist, durchsie genossenschaftliches Leben, gute Wahlen, tüchtige Vorstände, Sparsamkeit und aus-kömmliche Unterstützungen zu schaffen, die Arbeitgeber- und Arbciterelemente im Vor-stande in Harmonie zu halten. Wir kommen darauf zurück.

Die Mitglieder der Kassen sind von dreierlei Art: 1. die reichsgesetzlich Versiche-rungspflichtigen Lohnarbeiter, 2. diejenigen, welche durch Landesgesetz oder Ortsstatutzur Versicherung verpflichtet werden, 3. die freiwillig Beitretenden. Die sub 1 Ge-nannten sind die gewerblichen, im einzelnen fest abgegrenzten Lohnarbeiter, welche übereine Woche beschäftigt sind, und die ihnen gleichstehenden Betriebsbeamten bis 2000 Mk.Jahresverdienst; unter 2 fallen die Hausgewerbetreibenden, die landwirtschaftlichen Arbeiter,deren allgemeine und sofortige Einbeziehung wegen ihrer Naturaljahresbezüge nicht rat-sam erschien; unter 3 fallen seit 13S2 alle nicht Versicherungspflichtigen Personen miteinem Jahreseinkommen bis 2000 Mk.; man hatte im Anfang dabei hauptsächlich dieArbeiter im Auge, die aus einer Versicherungspflichtigen Stellung austreten und die Ver-sicherung fortsetzen wollen. Die 2 Mill. 1874 in Deutschland etwa gegen Krankheit ver-sicherten Personen waren 1885 auf 4,2, 1900 auf über 10 Mill. (einschließlich der Berg-arbeiter) gestiegen. Wären freilich alle Personen unter 2000 Mk. Einkommen in Deutsch-land mit ihren Familienangehörigen versichert, so würde die Zahl wohl die dreifache sein.Man sieht, welch' großer Ausdehnung das System künftig noch fähig ist.

Der Betrachtung über die Einnahmen und Leistungen der Kassen schicken wir diefolgende Übersicht über ihre Gesamtzahl und ihre vier wichtigsten Arten voraus:

Orts- Betriebs- Eingeschriebene Gemeindekranken- Zusammen

18861899

krankenkassen

3 693

4 623

krankenkassen Hülfskassen5 473 18057 344 1 447

Versicherung

7 024

8 521

alle Kassen22 360

18851899

15344 283

Mitglieder in 1000:1261 730

2 398 805

5861434

4 2949155

1899

91 495

Einnahme in 1000 Mk.:63 882 18 652

15 591

194 682

1899

64 713

Krankhcitskostcn in 1000 Mk.:50 730 14 226

12 260

145 324

1899

64 557

Vermögen in 1000 Mk.:66 053 16 377

625

152 356

Die Einnahmen bestehen a) aus den Beiträgen der Arbeiter, die bei der O.- undB.K. 23 °/o des Lohnes, bei der G.V. IV22 °/» desselben höchstens sein dürfen, beiden freien Hülfskassen unbeschränkt sind; b) aus den Beiträgen der Arbeitgeber, die beiden Zwangskassen die Halste der Arbeiterbeiträge betragen müssen; beide werden vomArbeitgeber erhoben, an die Kassen abgeführt, wie die Arbeitgeber bei ihnen auch die An-und Abmeldung der Arbeiter besorgen; 0) aus etwaigen Eintrittsgeldern, Strafen, Ver-mögenszinsen. Die freiwillig Beitretenden, wie die Mitglieder der freien Kassen, zahlendie nötigen Beiträge allein. Bei der B.K. bcstreitet der Unternehmer die Verwaltung,haftet für ein Deficit, bei der G.V. zahlt die Gemeinde die Kosten. Diese Einnahmensind so bemessen, daß die Kassen die Leistungen bestreiten können und noch einen Ver-mögensüberschuß erzielen; dasür soll ^/io der Einnahmen dienen; es soll ein Vermögengleich drei Jahreseinnahmen nach und nach gesammelt werden; reicht man nicht, sowerden die Leistungen erhöht, oder die Beiträge herabgesetzt; genügt das nicht, so werdenletztere bis zum gesetzlichen Maximum erhöht, oder werden die Kassen geschlossen, ihreMitglieder anderen Kassen zugeteilt.