Die amerikanischen, australischen, französischen, deutschen Gewerkvereine.
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Wesen, keine Schiedsgerichte von dauerndem Einfluß zugelassen. In den letztenS—6 Jahren jedoch scheint ein großer und gesunder Fortschritt eingetreten zu sein, ähnlichwie in England ; es sind auch glückliche Vereinbarungen mit einzelnen Unternehmer-verbänden zustande gekommen. Die Vorstände der großen Arbeiterverbände habenGehalte bis 20 000 Mark und Centralbureaus wie eine große Bank. Eine großartigeZusammenfassung der organisierten Arbeiter ist vor 1890 den sogenannten Rittern derArbeit (bis zu 700 000 Mitgliedern), in dem letzten Jahrzehnt der I'kclkratiou ok labor<bis 500 000, Dez. 1900) gelungen.
In Frankreich gab es bis 1860 nur geduldete, vielfach geheime Gesellenverbände,von da an, noch mehr von 1872 an, begann eine langsame Bildung von Arbeiter-syndikaten; bis 1900 waren etwa 600 000 Arbeiter in den Arbeitervereinen, welche nachdem Gesetz von 1884 registriert sind. Gewerkvereine, die den englischen glichen, sindaber nur wenige vorhanden, hauptsächlich die der Buchdrucker und Hutmachcr. Diemeisten übrigen werden von der socialistischen, politisch revolutionären Bewegung undvon Demagogen beherrscht, sind an dem inneren Hader der Arbeiterparteien und ihrerideologischen Streitsucht beteiligt; die meisten wechseln stark an Zahl und Personen;an vielen Orten sind mehrere streitende Vereine desselben Berufes. Die halbrevolutio-näre, halbutopische Frage des Generalausstandes wird immer wieder debattiert, dieBergarbeiter fordern von der Regierung gesetzliche Reformen mit der Drohung des all-gemeinen Streiks und suchen sich für diesen Fall zu bewaffnen. Der arbcitersreund-liche Bourdeau sagt von den französischen Arbeitersyndikaten: sie sind schwach, wenigzahlreich; ihre gefüllten Kassen stehen unter Führern, die viel Eifer, aber wenig Er-sahrung haben, die den Krieg um des Krieges, nicht um des Friedens willen begehren,die Versöhnung von Arbeit und Kapital für unmöglich halten, aus den Staat oder dieRevolution hoffen. Immer fehlt auch hier eine Wendung zum Besseren, eine Emanzi-pation der Syndikate von den demagogischen Politikern, vor allem seit dem Kongreßvon Rennes (1898) nicht. Während die belgischen Gewerkvereine, den letzten Jahr-zehnten angehörig, 1900 etwa 80 000-100 000 Personen umfassend, die Mitte zwischenden englischen und französischen halten, wird man von denen der südromanischenStaaten sagen müssen, sie bildeten ein Mittelding zwischen verelendeten revolutionär-socialistischen Verschwörern und Gewerkschaften in unserem Sinne.
In Deutschland waren wie in Frankreich die Gesellenvereine und ihre interlokaleVerbindung nie ganz verschwunden. Aber nur der 1848 versuchte, 1859—1866 infolgeder Gewerbefreiheit entstandene Verband der Buchdruckergehülfen knüpft direkt daran an.Die von den politischen Parteien des Fortschritts und der Socialdemokratie 1363—1875begründeten Gewerkvereine, von letzteren Gewerkschaften genannt, waren im wesentlichenNachahmungen der englischen Institution, übernahmen aber doch viel von den altenGesellentraditionen, und bis heute überwiegen in vielen die jüngeren, unverheirateten,kampflustigen Arbeiter, im Gegensatz zu den älteren, verheirateten, besonneneren. Dergrößere Teil der socialdemokratischen Vereine brach mit dem Socialistengesetz von 1378zusammen. Erst von 1883—1885 an entstand eine neue stärkere Gewerkschaftsbewegungund der Versuch ihrer Zusammenfassung zu nationalen Verbänden; erst von 1890—1900erreichte die Bewegung größere Bedeutung. Man hat geschätzt, es seien in sämtlichen Be-rufsvereinen organisiert gewesen 1870 100 000, 1873—74 200 000 Arbeiter, dann 1878bis 1882 etwa die Hälfte, 1889 313 000, 1900 850 000 fest und 620 000 halb organisierteArbeiter. Die ersteren wären 6,6 °/v, beide zusammen 11,5 °/o der 12,8 Mill. deutscherArbeiter, oder 9,1 resp. 15,7 °/«> der männlichen. Von den 850 000 fallen auf diesocialdemokratischen Centralvereine etwa 600 000, auf die fortschrittlichen (Hirsch'schen)Vereine 92 000, auf die christlichen Gewerkvereine 160000. Von den einzelnen Gewerk-vercinen sind die größten 1900: die socialdemokratischen 100 000 Metallarbeiter, die83 000 Maurer, die 25 000 Zimmerer, dann die 30 000 Buchdrucker, endlich die 24 000Hirsch'fchen Maschinenbauer und Metallarbeiter.
Man wird die verschiedenen, sich bekämpfenden deutschen Spielarten der Gewerkvereine