Z98 Drittes Buch, Der gesellschaftliche Prozeß des Gütcrumlauses u. der Einkommensverteilung. s^856
Ordnung gebildet haben, wird in England jetzt so ziemlich allgemein zugegeben. Nebensie traten seit 1870 hauptsächlich die Gewerkvereine der Bergarbeiter, die in der Haupt-sache das Hülfskassenwesen nicht unter ihre Zwecke aufgenommen haben, und endlich seit1889 die Gewerkvereine der ungelernten Arbeiter, von welchen es hauptsächlich die Dock-uno Hafenarbeiter und die Eisenbahnarbeiter unter geschickter demagogisch-socialistischerLeitung rasch zu großen, aber wechselnden und bald wieder dahin schwindenden Ver-bänden gebracht haben. Sie sind wesentlich Streik- und Kampsvereine ohne Hülfskassen,sehen ebenso auf Staats- wie auf Selbsthülfe; in den Jahren 1895—1900 haben siemehr und mehr begonnen, in die Bahn der alten Unionen einzulenken und ähnlichewirtschastliche und moralische Folgen wie sie zu erzeugen.
In einer Reihe der großen Stapelindustrien, welche in dicht bevölkerter Gegendlokal konzentriert sind, gehören jetzt oft 60—100°/o aller Arbeiter den Gewerkvereinenan; in anderen Gegenden, in zerstreuten Gewerben, in der Hausindustrie und Land-wirtschaft ist die Organisation freilich noch kümmerlich, so z. B. im Wollgewerbe, in derBekleidungs- und Lederindustrie, im Kleineisengewerbe. Im ganzen waren 1892 1,5,1900 etwa 2 Mill. großbritannischer männlicher, erwachsener Arbeiter von 9 Mill. über-haupt vorhandenen und 170000 Arbeiterinnen organisiert.
Föderationen, zu welchen sich eine Anzahl Unionen gleichen oder ähnlichen Berufsvereinigt haben, um gewisse gemeinsame Interessen zu verfolgen, gewissen gemeinsamenBeschlüssen und Befehlen nachzukommen, haben sich in den letzten 20 Jahren viele ge-bildet; man zählte 1896 119 mit 0,98 Mill., 1900 110 mit 1,72 Mill. Mitgliedern;einzelne umfassen mehrere Hunderttausend, z. B. im Bergwesen. Eine allgemeineFöderation hat sich 1399 gebildet, zunächst mit 64 Vereinen und 336 000 Mitgliedern.Auf einem Kongresse, dem sogenannten Arbeiterparlamente, kommen die Delegierten derGewerkvereinc jährlich zusammen, debattieren über ihre Interessen und Organisationen,stimmen über allerlei Unverbindliches ab und wählen ein sogenanntes parlamentarischesKomitee, das gesetzgeberisch für sie wirken soll. Die an demselben Orte befindlichen Gewerk-vereine verschiedener Berufe haben sich zu Gewerkschaftskartellen (Wracks Oounoils) in dengrößeren Städten meist erst seit 10—20 Jahren vereinigt; es gab 1894 157 mit 0,71,1900 171 mit 0,75 Mill. Mitgliedern; sie verfügen über geringe Mittel, haben aberteilweise auf die Lokalverwaltung einen erheblichen Einfluß. Sie sind mannigfach inKonflikt mit den Unionen und Föderationen gekommen, weil sie starke socialdemokratischeNeigungen zeigen —, auf den Kongressen haben sie wiederholt socialistische Beschlüsseangeregt und durchgesetzt; dafür wurden sie neuerdings aus dem Jahreskongresse nichtmehr zugelassen; das parlamentarische Komitee hat auf dem von Cardiff durchgesetzt,daß nur noch die Unionen, und zwar nach der Kopfzahl ihrer Mitglieder, Stimmrechthaben. Damit sollte hauptsächlich ausgeschlossen werden, daß radikale Demagogen sichvon einigen guten Freunden ein Mandat geben lassen und nun auf dem Kongreß auf-treten, wie die Delegierten von großen Gewerkvereinen.
Hat in England die frühe und glänzende, gegen jede Störung gesicherte gewerb-liche Entwickelung, der nüchterne Volkscharakter, das freie Vereins-, Verfassungs- undVerwaltungsrecht die Ausbildung der Gewerkvereine überhaupt und ihr früheres Ein-lenken aus revolutionären und gewaltthätigen in vernünftig friedliche Bahnen besondersbegünstigt, so wird es erklärlich, daß in den anderen Staaten die analoge Arbeiter-organisation meist später und unvollkommener erfolgte. Am mächtigsten sind die Gewerk-vereine Australiens ; es sollen dort 75°/o aller Arbeiter organisiert sein; auch die un-gelernten und die Landarbeiter sind stark beteiligt; ihr Einfluß auf Gesetzgebung undVerwaltung ist groß; die Ausbildung des Kassenwesens der Gewerkvereine aber gering.In den Vereinigten Staaten haben sich derartige Vereine langsam 1850—1880, seitherstärker ausgebildet; man schätzt die Mitgliederzahl neuerdings auf fast 1^/2 Mill.Längere Zeit hindurch haben dort die Verschiedenheit der Rasse und Gesetzgebung, derrasche Berufs-, Orts- und Konjunkturenwechsel zwar riesenhafte Streiks und Boykotts,d. h. gewerkschaftlichen Verruf gewisser Waren, die nicht mit Gewerkvereinslöhnen her-gestellt sind, aber keine recht stetige Entwickelung der Vereine, kein geordnetes Kassen-