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Neuere Koalitionsgeschgebung. Englische Gewerkvereinc.
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auch wenig benutzt; immer sind die registrierten Arbeitersyndikate von 1006 im Jahre1890 auf 3287 im Jahre 1900 gewachsen. Beide Gesetze sind gewiß nicht vollkommen,sind schwierig hergestellte Kompromisse zwischen socialistischen und gewerkschaftlichenTendenzen einerseits und berechtigter staatlicher Polizei und übertriebener Bourgeois-angst andererseits. Die lehrreichen Kämpfe um sie zeigen, wie schwierig hier der richtigemittlere Weg zwischen den vorhandenen Interessengegensätzen zu finden ist.
Aber der Weg muß um jeden Preis gefunden werden; er ist die Voraussetzungeiner gesunden Entwickelung der Gewerkvereine. In Deutschland sind im Reichstageund in der Litteratur immer wieder Vorschläge für ein ähnliches deutsches Gesetz gemachtworden. Die Furcht, damit die Socialdemokratie zu fördern, die Abneigung derGroßindustrie gegen alle Gewerkvereine hat bis jetzt es leider gehindert, daß dieRegierungen diesen wichtigen, unaufschiebbaren Aufgaben sich unterzogen. Die Arbeits-einstellungen und Vereinsbildungen werden dadurch natürlich nicht an sich gehemmt,sondern nur da und dort etwas erschwert, im übrigen einem ungeordneten, wildenWachstum überliefert. —
Blicken wir jetzt auf das Wachstum der Gewerkvereine in den verfchiedenenLändern, so sehen wir, daß neben der Gesetzgebung der Grad moderner Wirtschafts-entwickelung, der Volkscharakter und der Geist der Verfassung und Verwaltung desLandes, die konkrete Art der socialen Klassenbildung und der socialen Parteientwickelung,sowie die wechselnden Konjunkturen die Zunahme der Vereine und ihre besonderenPhysiognomien bestimmt haben.
Ihre höchste und beste Ausbildung haben die Gewerkvereinc in England erreicht,wo ihre Anfänge ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Es waren dort zunächst die ge-lernten Arbeiter der Tuch- und anderer Hausindustrien, welche zu Klubs und Ver-schwörungen sich zusammenschlössen, vielfach gewaltsam für ihr altes Arbeitsrecht undbessere Löhne kämpften. Mit dem Siege der Großindustrie traten die Arbeiter derMaschinen«, Textil-, Eisen-, Bergwerksindustrie an die Spitze der Bewegung. Haupt-sächlich in den großen geschäftlichen Aufschwungsperioden 1850-57, 1860—73, 1885—91,1895—1900 gelingt es ihnen nach und nach, die Hunderte von lokalen, bisher selbständigenVereinen von je 30—300 Arbeitern zu großen, einheitlichen, provinziellen oder nationalenUnionen der Berufsgenossen zusammenzufassen. Die älteren Vereine, wie sie bis 1890sich entwickelten, nehmen nur tüchtige Leute, teilweise nur die, welche eine bestimmteLehrzeit durchgemacht, oder welche einen bestimmten höheren Durchschnittslohn verdienen,auf; sie umfassen die besten Arbeiter des Berufes. Unionen von über 10 000 Arbeiterngab es 1900 23, von über 50 000 5. Der Schwerpunkt ihrer demokratischen Verfassungliegt einerseits in den örtlichen häufigen Versammlungen der Zweige, andererseits inDelegiertenversammlungen der Gesamtheit der Zweige und in einem Exekutivausschußmit Generalsekretär. In Urabstimmungen wird über die wichtigsten Fragen entschieden.Allgemeine Arbeitseinstellung setzt eine Zustimmung der Majorität aller Mitglieder,kleine partielle setzen die des Exekutivausschusses voraus. Was die Mitglieder neben derBerufsgemeinschaft und dem gemeinsamen Kamps um die Arbeitsbedingungen verbindet,ist das ausgebildete Hülfskassenwesen und das gesammelte Vermögen. Fünfzehn bisvierzig Schilling Jahresbeitrag ist das gewöhnliche; doch wird je nach Bedarf oft mehr,oft weniger erhoben. Ein Vermögen des Vereins von 20 Schilling pro Kopf ist gering,40—60 Schilling ist häusig; es kommt auch mehr vor. Die älteste wichtigste Unter-stützung ist die im Falle der Arbeitslosigkeit (9—12 Schilling die Woche), danebenwird eine solche bei Arbeitseinstellungen und im Krankheitsfall gezahlt, überall einBegräbnisgeld, teilweise auch Alters- und Invalidenrenten. Sechzehn solcher gelernter Ge-werkvereine nahmen schon 1889 bei 2552 Zweigen und 216 674 Mitgliedern 10,6 Mill. Mk.ein und gaben 7.6 Mill. Mk. aus, 1900 hatten die 100 größten Unionen 1,15 Mill.Mitglieder und fast 40 Mill. Mk. Einnahme. Daß sie mit Arbeitseinstellungen successivvorsichtiger geworden seien, werfen ihnen die jüngeren ungelernten Gewerkvereinc undder Radikalismus vor. Daß sie vielfach trefflich geleitet seien und eine vorzüglicheSchule des genossenschaftlichen Geistes, der volkswirtschaftlichen Einsicht, der Zucht und