40t) Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Gütcrumlaufcs u. der Einkommensverteilung. s^858
kurz so charakterisieren können. Die gemäßigtsten, mit den bestverwalteten und vollstenKassen, mit Traditionen von über einem Menschenalter, sind die Hirsch-Dunckerschen Ber-eine und diejenigen socialdemokratischen, welche ihre Ausbildung empfingen, ehe sie sichdieser Partei äußerlich anschlössen, hauptsächlich die Buchdrucker; diese Vereine habeneine stabile Mitgliederzahl, eine Versassung und Führerschaft, die der der englischenälteren Vereine sich nähert. Auch von einem Teile der organisierten kaufmännischenGehülfenvereine läßt sich Ähnliches sagen. Die christlichen Gewerkvereine sind noch jung,wenig konsolidiert, haben durch den Einfluß von Geistlichen immer einen maßvollerenCharakter. Unter den socialdemokratischen Gewerkschaften war lange viel Streit überdie Verfassungsform, über Lokal- und Centralvereine; die letzteren sind jetzt die vor-herrschenden. Sie haben noch einen sehr stark wechselnden Mitgliederbestand; ihr Ver-mögen ist gering, ihr Kassenwesen sehr unausgebildet. Das hängt ja nun etwas mitder staatlichen Ordnung der Kranken-, Unfall- und Invalidenversicherung in Deutschland zusammen; aber ebenfo sehr mit der früheren Abneigung innerhalb der Socialdemokratiegegen alle Arbeiterfachvereinsorganisation. Der politischen Parteiorganisation, welcherasch die Diktatur des Proletariats und die socialistische Gesellschaftsordnung bringensollte, erschien lange alles Kassen- und Versicherungswesen als „Versumpfung"; die ge-sammelten Arbeitergroschen sollten nicht zersplittert, sondern auf die revolutionär-politische Agitation verwendet werden; Gewerkschaften wollte man nur als Vorarbeit fürden Parteidienst gelten lassen. Jedenfalls verbrauchte man jahrelang die beste Kraftin ärgerlichen Streitigkeiten, ob der politische Parteikampf oder die gewerkschaftlichenZwecke die Hauptsache seien.
Immerhin ist darin ein erheblicher Wandel eingetreten. Die gemäßigten und reali-stischen Führer der politischen Partei haben nach und nach die Bedeutung der Gewerkschaftenerkannt; diese haben in der „Generalkommission" eine selbständige Leitung bekommen;die große Zunahme der Mitgliederzahl 1895—1900 war auch von erheblichen innerenFortschritten begleitet. Ans 62 Centralorganisationen mit 277 000 Mitgliedern 1891sind 58 mit 680000 1900 geworden; sie nahmen 1900 9,4 Mill. Mk. ein, hatten amEnde des Jahres 7,7 Mill. Mk. Kassenbestand, wovon allerdings 3,7 Mill. Mk. allein denBuchdruckern gehörten; aus den Kopf fielen also mit letzteren über 10 Mk. Vermögen, ohnesie nur 6—7 Mk. Eine Anzahl der socialdemokratischen Centralverbände, wie die Zimmerer,haben heute Vorstände, die aus socialistischen Parteifanatikern praktische, realistische Arbeiter-führer geworden sind. Man begreift endlich, daß Tarifgemeinschaften und gut bezahlteVereinsbeamte nach englischem Vorbilde einen Fortschritt bedeuten; man macht in einererheblichen Zahl der Gewerkschaften immer energischer Versuche mit der Arbeitslosenunter-stützung (vergl. oben S. 393). Die sozialdemokratischen Gewerkschaften werden im nächstenMenschenalter zum Parteiprogramm schwören, sie werden den Machtrückhalt, den die politi-sche Partei gibt, nicht entbehren können, aber sie werden doch innerlich etwas anderes werden,sie werden durch ihr Schwergewicht die Partei selbst verändern. Die christlichen Gewerkvereinefangen wenigstens etwas an, sich zu vertragen und den Konfessionsstreit zurückzustellen. Kurz,der gesunde Menschenverstand und das praktische Arbeiterinteresse beginnt, über Partei-leidenschaft und Utopien den Sieg davon zu tragen. Wenn diese ganze Bewegung nicht gestörtwird, so ist es nicht unmöglich, daß sich die heute noch einander bekämpfenden Richtungennach und nach vertragen und verschmelzen, daß in weiteren 10 Jahren 2—3 Millionendeutscher Arbeiter in leidlich gut geleiteten Fachvereinen sich zusammengefunden haben.Bestätigt sich diese Erwartung, dann werden auch die mehrfach ernsthaft gemachten Vor-schläge, man solle in Deutschland die Berufsvereine der Arbeiter von obenher organi-sieren, keine Aussicht haben. Das Problem wäre ohnedies das denkbar schwierigste.
In Österreich und der Schweiz ist die Bewegung eine noch geringere als inDeutschland , die Zersplitterung und die falsche doktrinäre Ideologie ist noch stärker. Immerscheint die Entwickelung ähnlich; es fehlt auch hier nicht an Fortschritt, es beginnt eineÜberwindung der Irrtümer und Fehlgriffe.
So verschieden nun nach Rasse, historischer Entwickelung, Gesetzgebung, socialen Er-gebnissen die Ausbildung der Gewerkvereine in den einzelnen Ländern ist, ihre Existenz