Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Verfassung und Politik der Gewerkvereine.

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und ihre Ziele sind doch einheitliche, durch die allgemeinen wirtschaftlichen Ursachenbedingte. Auch die Phasen ihrer Geschichte sind doch vielfach ähnliche, so daß wir dieFrage, was sie gewollt und gewirkt, geschadet und genutzt, welche Bedeutung und Be-rechtigung sie haben, unter welchen Bedingungen und Schranken sie auf die gesamteheutige Wirtschaftsorganisation mehr günstig als ungünstig gewirkt und weiter günstigwirken werden, in einheitlichem Zusammenhange beantworten können.

226. Die Verfassung und Politik der Gewerkvereine, die Arbeits-einstellungen, Boykotts, Strafmittel der Vereine. Wenn die Koalitions-freiheit mit ihren Kämpfen und die ganze Bildung der Arbeiterfachvereine bis heute sosehr verschieden beurteilt wird, die ältere Unternehmerwelt überwiegend sie haßt undbekämpft, die radikale Socialdemokratie sie als Halbheit verachtet, nur die gemäßigteSocialreform sie verteidigt, so ist das nicht überraschend. Die Phasen der Entwickelungin den einzelnen Staaten haben uns schon gezeigt, wie verschieden dieselbe Institutionsich dem unbefangenen Blicke darstellt. Wir werden das noch mehr begreifen, wennwir nun die Vereinsthätigkeit, ihre Zwecke und ihre Ausschreitungen, sowie die Ver-fassung der Vereine untersuchen, wenn wir sehen, wie schwierig die Ausbildung gutorganisierter und maßvoll handelnder Vereine war, wie langsam erst die Thätigkeitderselben sich in die bestehende Verfassung der Volkswirtschaft, in die hergebrachtenTraditionen des Geschäftslebens ohne zu viel Reibung einfügen konnte.

a) Die Arbeiter, welche zuerst den gemeinsamen Kampf um Lohn und Arbeits-bedingungen begannen, waren sicherlich nicht die am schlechtesten bezahlten, sondern dieaufstrebenden, selbstbewußten; aber sie standen zunächst dem großen Umschwung dervolkswirtschaftlichen Organisation, der sie von 178018S0, ja teilweise noch späterbedrückte, ohne alles innere Verständnis gegenüber. Sie glaubten aus die alten Ein-richtungen und Löhne ein ^jus yuaesitum zu haben, das Staat und Gesellschaft ihnenhartherzig weigere; allgemeine naturrechtliche und demokratische, revolutionäre undsocialistische, überwiegend utopische Gedanken erfüllten ihren Horizont. Sie begannenals Verschwörer, als Teilnehmer zusammengetrommelter, demagogisch verhetzter Versamm-lungen. Und so setzte die Bewegung ein mit teils kürzeren, teils längeren Epochender Gewaltsamkeit, der Fabrikbrände, der Morde und Attentate gegen harte Fabrikantenund Beamte. Dem friedliebenden Philister mußte es Grauen erregen, wenn gegen 1800die Fabriken in Lancashire mit Kanonen armiert wurden, wenn noch neuerdings diegroßen amerikanischen Riesenfabriken sich in den Pincertonleutcn eine Art Privatregi-menter als Schutzwachen halten mußten- Noch heute ist da, wo die Arbeiterpartei aufUmsturz und Revolution spekuliert, häufig die Arbeitseinstellung nur ein Vorwand zuTerrorismus, der Gewerkvercin häufig nur eine Vorschule zu Aufständen und Gewalt-akten. Selbst Brentano gibt zu, daß es bei diesen Kämpfen bis zum Bürgerkriegekommen könne, und der Generalsekretär der deutschen Großindustriellen rief 1890: dieallgemeine Organisation der Arbeiter bedeutet die Herrschaft der rohen Gewalt, derselbstsüchtigen Leidenschaften.

I>) Diese Gefahren treten nur da zurück, wo ein nüchterner Volkscharakter, eine festeStaatsgewalt, eine gute Verwaltung einerseits, eine aufsteigende Arbeiterklasse mit wirt-schaftlicher Schulung und Bildung andererseits den Frieden, die Einhaltung fester Schrankendes Lohnkampfes möglich machen und garantieren. Die Flegeljahre der Arbeitseinstellungenund der Gewerkvereine werden am ehesten da überwunden, wo an die Stelle der heim-lichen Verschwörungen die öffentliche Debatte, an die Stelle plötzlich zusammenberufenerArbeitermassen, die stets dem beredten Demagogen verfallen, jahrelang zusammenhaltendeVereine mit erprobten Führern treten.

Aber der Übergang von einem zum andern bedarf einer guten Gesetzgebung undgerechten Verwaltung; er vollzieht sich nur unter Kämpfen und bitteren Erfahrungen,die zeitweise gewiß für Staat und Volkswirtschaft bedrohlich werden können. Je kurz-sichtiger und egoistischer die Unternehmer, je roher, socialistisch und revolutionär ver-hetzter, je kürzer und schlechter organisiert die Arbeitermassen sind, desto leichter bringtjeder Fortschritt der Koalitions- und Vereinsfreiheit zunächst thörichte, übereilte Arbeits-

Schmoll - r, Grundriß der Vollsniirtschastsl-Hce. II. I.-6. Aufl. 26