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Die Lohnpolitik der Gewerkvereine. Der Beitrittszwang.
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die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Arbeiter des Gewerbes. Man hat dem Systemvorgeworfen, es unterdrücke durch die Forderung gleichen Lohnes für alle den Ehrgeizund die Anstrengung, befördere die Mittelmäßigkeit, ja Faulheit. Davon ist keineRede: die Minimallöhne sind meist Akkordsätze, womit der eine 25, der andere 30, derdritte 40 Mk. in der Woche verdient; soweit es Zeitlöhne sind, ist ihr Taris ein ab-gestufter; fast stets ist bei der Vereinbarung über Minimallöhne eine thatsächlichehöhere Bezahlung der besseren Arbeiter nicht ausgeschlossen. Der Kamps um diesesSystem hat in der englischen Gewerkvereinswelt in der Hauptsache die Anwendung deranderen älteren Mittel zurückgedrängt; es wirkt ausschließend nur auf geringe Kräfte,die den Normallohn nicht verdienen; es erzeugt ein Ausleseverfahren, nötigt die Arbeit-geber, nach den Leuten mit dem besten Charakter, der größeren Intelligenz, der höherentechnischen Geschicklichkeit zu suchen. Es ist ein System, das die besten Betriebe, diegünstigsten Gewerbszweige des Landes auf Kosten der rückständigen Betriebe, der Ge-werbszweige mit geringeren Vorzügen fördert. Es macht wesentlich nur die Konkurrenz,die auf billige Löhne spekuliert, unmöglich. Das geforderte Minimum an Lohn undGesundheitsbedingungen und das geforderte Maximum an Arbeitszeit kann natürlichnicht in allen Gewerbszweigen gleich sein; es wird sich der Technik jedes Gewerbes, denhier geforderten Körper- und Geisteskräften anpassen. Aber es wird die Folge haben,daß den Zweigen der nationalen Arbeit, welche kein solches Minimum verteidigen, dieIchlechteren Arbeitskräfte mit geringerem Lohn und geringerer Leistungsfähigkeit zu-geführt werden.
Die Mittel zur Durchführung dieser G ew erkv er ein sp olitik sind nun,wenn wir von den Gewaltsamkeiten absehen, folgende: 1. die Agitation für den Bei-tritt aller Fachgenossen, 2. die Arbeitseinstellung, 3. die Verrufung gewisser Werk-stätten und Waren und 4. die Bestrafung der Vereinsmitglieder, die nicht gehorchen.
Der Wunsch der Vereine, das gesamte Angebot der Arbeiter zu beherrschen, istnatürlich; sie erreichen bei der gelernten Facharbeit dieses Ziel, wenn sie einerseits nurgeschickte und gelernte Arbeiter aufnehmen, andererseits es durch ihre Agitation dahinbringen, daß 80—95 °/» beigetreten sind. Wer als Mitglied sich den Majoritäts-beschlüssen nicht fügt, muß austreten oder wird ausgeschlossen, verliert seinen Anteilan dem Vermögen, ist wirtschaftlich meist ein ruinierter Mann. Er findet in größeren,besseren Betrieben keine Stelle mehr. In solchen Gewerben dulden die Arbeiter keineNichtunionisten neben sich. Natürlich ist Derartiges nicht möglich, wo die GeWerk-Vereine erst 5—40°/o der Facharbeiter umfassen. Aber die Tendenz ist überall eine ähn-liche ; das letzte Ziel ist, wie einst bei den Zünften, der moralische, der thatsächliche, wennauch noch nicht der rechtliche Beitrittszwang. Die Arbeiter sind überzeugt, hierauf imInteresse ihres Berufes, ihrer wirtschaftlichen Existenz ein Recht zu haben; sie haltendeshalb auch die Anwendung von allen möglichen Mitteln, Drohungen, Postenstehen,um bei einer Arbeitseinstellung den Zuzug abzuhalten, für erlaubt. Die Webbs fagen,wenn Gewerkvereinler behaupteten, daß ihre Leute durchaus auch mit Nichtunionistenarbeiteten, so möchten sie in gutem Glauben gewesen sein, wahr sei es nicht. „DieVerhängung des Ostrakismos über Nichtunionisten wird mehr und mehr die Seele derBewegung. Ohne gewisse Zwangsmethoden für die Majoritätsbeschlüsse ist keine wirk-lame Gewerkvereinspolitik möglich." Holyoake, der englische Vorkämpfer für Genossen-schaften sagt: „Der schwache Punkt der Unionisten ist ihre Gewalt, ihre Negation derpersönlichen Freiheit." Brassey meint, „der Gewerkverein ist illiberal, kastenartig, ohneVerständnis sür andere Interessen". Jede Koalition der Arbeiter wie der Arbeitgebermuß suchen, ihr ganzes Marktgebiet einheitlich mit ihren Anordnungen zu umspannen.
Der volle Sieg der Gewerkvereinsbewegung würde, wenn er eintritt, an dieStelle der früheren lokalen Meisterzünfte nationale Arbeiterzünfte setzen; ein großesStück unserer heutigen Gewerbefreiheit und freien Konkurrenz verschwände damit. Esfragte sich dann, wo Gesetz, Verwaltung und Vereinbarung die Grenze des Zwangessetzen, das Kompromiß zwischen individueller Freiheit und Vereinszwang errichten. Dergroße letzte Maschinenbauerstreik in England (1897—1398) endete mit gegenseitigen Zu-