404 Trittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß de- Güterumlaufes u, der Einkommensverteilung. ^862
weise Auswanderungsunterstützung beibehalten muß, um so auf das Arbeitsangebot zuwirken.
e) Die Einwirkung auf den Lohn und die Arbeitsbedingungen er-scheint einfach und klar: der Gewerkverein will ihre Verschlechterung bekämpfen, ihreBesserung befördern. Aber die Mittel sind sehr mannigfaltig und kompliziert; was imAugenblick Besserung schafft, ist oft auf die Dauer schädlich; diese und jene Aktion desVereins greift so ungünstig in die wirtschaftliche Sphäre Dritter, ja ganzer weiter Gesell-schaftskreise, daß ihre Duldung fraglich erscheint. Ein sehr langer Erziehunqsprozeß,schwere Känipfe haben erst nach und nach die Gewerkvereine auf richtige Bahnen geführt.
Die Arbeiter haben zuerst (1750—1850) sich allen technischen Änderungen, vorallein der Maschineneinführung widersetzt, und teilweise geschieht es noch; noch heuteerzeugt jede starke Betriebs-, Werkzeug- Maschinenänderung leicht schwierige Kämpfe. Inder englischen Schuhindustrie wird noch um die Einführung der Maschine gekämpft.In der englischen Spinnerei und Weberei aber sind diese Kämpfe seit über einemMenschenalter vorbei; die in ihr thätigen Arbeiter sind oft mehr als die Unternehmerfür den technischen Fortschritt. Je intelligenter, technisch geschulter die Arbeiter werden,desto leichter wird diese Schwierigkeit überwunden, die ältere falsche Politik vermieden.
Das einfachste Mittel für den Gewerkverein, für seine Mitglieder die Marktlagezu bessern, ist die Beschränkung und die Beherrschung des Angebots. Dazu standenund stehen ihm folgende Mittel zu Gebot: die Aufrechthaltung der alten Zunftregeln,Beschränkung der Frauen-, der Kinder-, der nicht gelernten Arbeit, Terrorismus gegenalle Nichtunionisten.
In England giebt es noch heute Gewerbe, in welchen nur die Söhne der Arbeiter,diese aber ohne Schranke der Zahl, zum Beruf zugelassen werden, — z. B. gehört dieSheffielder Messerkleinindustrie hierher. Bei den englischen Kessel- und Schiffsbaucrnstimmen Unternehmer und Arbeiter darin überein, daß nur fünfjährige Lehrlingschaftund Eintritt vor dem 18. Jahr zum Gewerbe berechtige, daß auf 7 Vollarbeiter nichtmehr als 2 Lehrlinge zu dulden seien. Bei den Stcinhauern verbindet sich noch daserbliche Recht der Söhne mit dem Princip des Lchrlingsfystems. Bei den Maschinen-bauern und Buchdruckern hat sich der Lehrlingszwang erst in den letzten 25 Jahrenaufgelöst. Die Webbs rechnen, daß auf 1^2 Millionen englischer hiefür statistisch ge-zählter Unionisten heute noch 1/2 Million unter dem Lehrlingszwang stehen. Diebesten Gewerkvereine, die der Baumwoll- und Kohlenindustrie, kennen nichts mehr derart.Die Aufrechterhaltung solcher Schranken scheint allgemein im Rückgang. Ebenso derKampf gewisser Gewerkvereine gegen Knabenarbeit oder für eine beschränkte Zahl vonKnaben, und gegen Frauenarbeit, während in manchen Gewerben die Arbeiter daranfesthalten, daß jeder einen festen Stufengang der Stellung und der Lohnsätze durchlaufe,die höheren Stellungen nur erreichen könne, wenn er die niedrigen einige Zeit bekleidethabe. Mit diesem gesunden Princip nähern sich die Gewerkvereine den guten Gepflogen-heiten des Beamtendienstes; der Vorzug des Princips ist, daß in Krisen meist nur dieNeueinstellung junger Kräfte aufhört (vergl. oben S. 290).
Eine weite Verbreitung hat in England noch das Festhalten gewisser gelernterArbeitergruppen an ihrem hergebrachten, ausschließlichen Recht auf bestimmte technischeOperationen; z. B. im englischen Schiffsbau. Noch im letzten Jahrzehnt haben dieVereine in 35 Monaten die Schiffswerften 35 Wochen lang stillgestellt, weil die Unter-nehmer einzelne Operationen anderen Arbeitergruppen als den bisher dazu berechtigtenübertrugen. Vernünftige und billige Vereinbarungen hierüber sind aber nicht aus-geschlossen.
k) Einen wesentlich anderen Charakter hat die Gewerkvereinspolitik, wenn sie nurdahin strebt, in dem bestimmten Gewerbe ein Minimum an Lohn und Gesund-heitsbcdingungen, sowie einMaximum anArbeitszeit aufrecht zu erhalten.Damit greift sie zunächst nicht oder nicht notwendig in die Sphäre dritter und weiter wirt-schaftlicher Kreise über; sie verteidigt damit nur eine gewisse Höhe der Lebenshaltung, undwenn sie das Minimum zur Zeit der günstigen Konjunktur erhöht, so verbessert sie zugleich