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Die Arbeitseinstellungen.
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Terrorismus der 16—25jährigen Schreier in den großen Versammlungen tritt zurück.Und sind in alledem noch viele Fortschritte erst zu machen, ein Teil der falschen und kost-spieligen Arbeitseinstellungen wird doch so nach und nach verschwinden. Freilich wirdman auch heute noch die wirtschaftlichen Kosten und die moralischen Schäden der Kämpfenicht gering anschlagen dürfen.
In England zählte man 1890—1900 zwischen 2,5 und 31 Mill. verlorenerArbeitstage im Jahre; das sind hohe Zahlen an sich: auf alle Arbeiter und Jahreverteilt, sind es allerdings nur 1,25 ausgefallene Tage auf jeden Arbeiter jährlich.In den Vereinigten Staaten betrugen 1887—1894 (1. Juli) die Lohnverluste bei Aus-ständen 466 Mill. Mk., bei Aussperrungen 79 Mill. Mk., die Verluste für die Unter-nehmer 216 und 37 Mill. Mk. In beiden Ländern sind die Kämpfe härter undhäufiger als bei uns, haben auch immer wieder periodisch zugenommen, trotz der fort-schreitenden Friedenseinrichtung, die wenigstens England schon länger besitzt.
Aber man wird die Hoffnung auf eine Epoche wiederkehrender Beruhigung, ab-nehmender Kämpfe nicht aufzugeben haben. Auch wird man sagen können, daß dieOpfer bisher, wenn auch im einzelnen sehr groß, für den Gesamtfortschritt nicht um-sonst waren, daß man zu einer vernünftigen Ausstands- und Aussperrungspolitik nurdurch solche teuren und opferreichen Versuche hindurch kommen konnte, daß auch dieschlecht geleiteten, oft von einem Haufen junger Leute vom Zaun gebrochenen, denruhigen älteren Arbeitern octroyierten und zunächst erfolglosen Ausstände doch für denArbeiterstand auf die Dauer insofern Früchte getragen haben, als die öffentliche Meinungaufgerüttelt, die Arbeiter selbst durch Erfahrung klüger, die Führer geschulter, dieUnternehmer vorsichtiger und zu Kompromissen geneigter wurden, als auch diese Streiksdoch später häufig zur Abstellung vieler Mißbräuche führten. Die erhebliche Lohn-steigerung der letzten 50 Jahre in England und auf dem Kontinent wäre ohne dieKoalitionsfreiheit, ohne die berechtigten und unberechtigten Arbeitseinstellungen Wohlnicht eingetreten; das Sinken der Löhne in der stillen Zeit wäre ohne sie stärker ge-wesen. Mögen also durch die Ausstände beiden Teilen große Schädigungen zugefügtworden sein, mag häufig das Publikum durch erhöhte Preise am meisten gelittenhaben, so dürften doch die unteren Klassen und die Volkswirtschaft sich heute in schlech-terer Lage befinden, wenn wir gar keine Koalitionsfreiheit erhalten, gar keine Ausständeerlebt hätten. Die ersteren hätten 1850—1900 um Milliarden weniger Löhne ein-genommen, sie ständen an Lebenshaltung und Leistungsfähigkeit heute sicher tiefer, wofüreine Anzahl etwas billigerer Warenpreise kein Ersatz wäre; die Unternehmer hättenheute ohne Zweifel technisch und social rückständigere Betriebscinrichtungen; häufigknüpfte der größte technische Fortschritt gerade an Ausstände an; wir werden sagenmüssen: so ungeheure sociale Änderungen, wie die Volkswirtschaft und die ganze Gefell -schastsordnung seit 100 Jahren erlebt, seien nicht ohne Krisen und Krankheiten möglichgewesen; der übermäßige Dampf mußte entweichen; ohne das Ventil der Koalitions-freiheit hätte er viel zerstörender gewirkt.
Aber natürlich muß das Ziel sein, die Bitterkeit, die großen unnötigen Kosten,die Schädigung der ganzen Volkswirtschaft durch die Ausstände zu vermindern. DieAufforderung dazu wird um so dringlicher, je größer und mächtiger die Verbände beiderKlassen und damit die Arbeitskriege werden, je mehr sie in die internationalen Kon-kurrenzkämpfe schädigend eingreisen. Wir müssen also so energisch wie möglich dierichtige Ausbildung der Gewerkvereine und die Organisation der Friedensvermittelungfördern; ja, wir müssen, wo es nicht anders geht, auch eine obligatorische Fricdens-vermittelung durch staatliche Organe eintreten lassen. Wir kommen darauf zurück.Wo es zu allgemeinen Ausständen aller Arbeiter eines Landes kommen sollte, werdenauch außerordentliche Maßregeln nötig sein.
Die allgemeine Arbeitseinstellung, von der in Ländern mit revolutio-nären leidenschaftlichen Arbeiterbewegungen jetzt so viel gesprochen wird, setzte freilich eineganz andere Organisation der Arbeiter voraus, als sie heute irgendwo existiert. Sie könnte,sagt der große französische Socialist Jaures , nur Erfolg haben, wenn die ganze Arbeiter-