Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
Seite
439
Einzelbild herunterladen
 

897)

Das Wesen der Grundrente. Ricardo.

439

Prämie für den landwirtschaftlichen Fortschritt. Dann aber, als infolge der wachsendenBevölkerung, der einseitigen Handelspolitik, der mäßigen damaligen landwirtschaftlichenFortschritte enorm wachsende Getreidepreise die Gewinne und Renten zumal in England wie sast nie früher hinauftrieben (17701850), da erschien der eben aufblühendenNationalökonomie (Malthus , Ricardo, Thüncn, I. St. Mill) die Grundrente alsein nationales Unglück für die Konsumenten, als ein zu bekämpfendes Monopol. Ricardostellte die Lehre auf, was der Landwirt und Grundeigentümer an Gewinn, resp. Grund-rente erziele, sei allerdings teilweise Bezahlung von Arbeit und Kapital, hauptsächlichaber Folge der ursprünglichen und unzerstörbaren Kräfte des Bodens; nur diesenletzteren Teil nennt erGrundrente"; er nimmt an, ursprünglich sei nur der beste undder dem Markt Nächstliegende Boden angebaut worden; es gebe, so lange er ausreiche,keine Grundrente in seinem Sinne. Erst wenn mit dem Wachsen der Bevölkerungschlechterer und entfernterer Boden angebaut werde, erhielten die näheren und besserenBöden eine steigende Grundrente in seinem Sinne. Die Grundrente stellt sich ihm sodar als eine Folge der Kargheit der Natur, als ein Monopolgewinn der Grundeigen-tümer, welcher die Gewinne der Unternehmer, zumal der gewerblichen und den Arbeits-lohn immer mehr aufzehre. Im Getreidepreise stecke an sich keine Grundrente, denn erwerde bestimmt durch den Anbau auf dem schlechtesten und entferntesten Boden, dessenProdukte noch für den Markt notwendig feien.

Wir lassen zunächst dahingestellt, ob Ricardo im ganzen recht habe; wir geben ihmaber darin jedenfalls recht, daß im landwirtschaftlichen Gewinn des selbst wirtschaftendenEigentümers meist außer dem persönlichen Arbeitsverdienst und dem gewöhnlichenKapitalgewinn (für frühere Arbeit, für Kapitalverwendung, Meliorationen u. s. w.) nochein Extragewinn für seine monopolartige Stellung enthalten sei, und daß die beidenverschiedenen Elemente (gewöhnlicher Kapital- und Monopolgewinn) auch in der Pacht-rente des Grundeigentümers mit einander verbunden seien. Aller Streit über dieGrundrente beschränkt sich sonach daraus, in welchem Verhältnis diese beiden Elementezu einander stehen. Wir wollen sie Ersatz- und Monopol rente nennen und erstihre allgemein historische, dann ihre geographisch-örtliche Ausbildung prüfen. Die Unter-suchung ist deswegen so schwierig, weil beide Elemente im Leben stets untrennbar ver-bunden sind, weil man die Zunahme der Grundrente (wir verstehen darunter die Ersatz-plus der Monopolrente) meist nur aus der Höhe der Kauf- und Pachtpreise erschließenkann, und aus diese auch andere Momente (wie Geldwert, Zinsfuß, zufällige Umstände,Ernten, Kriege u. s. w.) so stark wirken.

^) Die historische Frage kann für den Unbefangenen nicht dahin gehen, ob über-haupt der stets beschränkte landwirtschaftliche Boden mit steigender Bevölkerung Extra-gewinne und Monopolrente nach und nach gebe; alle geschichtliche Agrarverfassung,aller steigende Wohlstand der Grundaristokratie, der freien Bauern zeigen das; es folgtaus der Beschränktheit alles Bodens, besonders des sehr fruchtbaren (vergl. I S. 134135,185); sondern nur, in welchem Maße dies geschehen sei. Es fragt sich, wie stets wiederbessere Transportmittel, landwirtschaftliche Fortschritte, Stillstand und Rückgang derBevölkerung der Monopolrentenbildung entgegengewirkt haben. Hauptsächlich eine richtigeEinsicht in die Art, wie die Mehrverwendung von Arbeit und Kapital auf die Roh-und Reinerträge der intensiver werdenden Landwirtschaft wirke, ist die Voraussetzungeines klaren Urteils über die einschlägigen historischen Vorgänge. Daher schicken wirdarüber einige Worte voraus.

Man hat geglaubt, diese Frage mit einer einfachen Formel beantworten zu können,die man das Gesetz der abnehmenden Bodenerträge nannte. Es geht dahin:die Verdoppelung des Kapital- und Arbeitsaufwandes in der intensiven Landwirtschaftkann von einem bestimmten Punkte an die Ernten nicht mehr verdoppeln; sie steigen successiviu geringerer Proportion. Die Lehre wird damit begründet, daß alles Eindringen VonLicht, Wärme und Luft in den Boden eine bestimmte Grenze habe. Thünen zeigte,daß wenn das 4zöllige Pflügen eine Ernte von 100, das 8zöllige nur eine von 151gebe; Liebig sagte, die doppelte Menge von Ammoniak kann nie die doppelte Ernte