452 Trittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß dcs.Güterumlauses u. der Einkommensverteilung. s910
Der Prophet Jesaia rust wehe „über die, welche ein Haus an das andere ziehenund einen Acker zum andern bringen, bis daß kein Raum mehr da sei, daß sie alleindas Land besitzen". Und der Prophet Micha sagt von den Reichen, „sie reißen zu sichÄcker und nehmen Häuser, also treiben sie Gewalt mit eines jeden Hause und mit einesjeden Erbe". Bon den 9000 Spartiatenackerlosen war die Mehrzahl später verschwunden,Aristoteles zählt noch 1000 spartiatische große Grundbesitzer; 125 Jahre später, soll esnur noch 100 gegeben haben. Die Frage der Ackerneuverteilung zu Gunsten der Ärmerenund die Schuldentilgung ist in Griechenland der Kern der socialen Politik und derfurchtbaren socialen Kämpfe. Demosthenes klagt, daß die Reichen zu viele Grundstückekaufen, früher habe der reichste Mann über 100 Talente (etwa ^/s Mill. Mk.), jetzt über600 verfügt. Das Verschwinden des Mittelstandes, des kleinen Bauernstandes ist diegroße Klage der Zeit auch in Italien . Etwa 100 Jahre v. Chr. sagt schon ein Sach-kenner, es gebe nur noch 2000 Männer in Rom , oui rem nabersnt, die Vermögenhätten. Crassus wird auf 39 Mill. Mk. heutigen Geldes, Seneca auf 80 geschätzt.Plinius berichtet, daß sechs Herren die halbe Provinz Afrika befaßen, deshalb von Nerogetötet wurden. I^titunclig, xercUäsrs Romain.
Im älteren Mittelalter kommen frühe Tausende von Hufen in den Besitz derKönige, der Kirche, der Grundherren; aber es ist ein Obereigentum, das mehr politisch-verwaltungsrechtliche Bedeutung hat als wirtschaftliche im Sinne sehr großen Privat-vermögens. Die festen Abgaben setzen dem zu 95 °/o als Streubesitz und Untereigentuman Ritter, Bauern, Stadtbürger ausgegebeneu Großgrundbesitz eine ziemlich engeNutzungsgrenze. Im späteren Mittelalter sind es zuerst Italien und Spanien , welchewieder die großen Vermögensanhäufungen zeigen; die Landteilungen und Güterkonfis-kationen spielen nicht die Rolle wie im Altertum. Aber demokratische Besteuerungenbis zur Vermögensvernichtung waren in Florenz an der Tagesordnung. Das städtischeGrundeigentum, das kaufmännische Kapital, die Bergwerke halten dem Landbesitz teilweiseschon 1400-1600 die Wage. Einzelne Päpste hinterließen Schätze von 0,7—1 Mill.Goldgulden 0 9—10 Mk.), Lorenzo Medici (1440) ein Vermögen von 235 137 Goldgulden,der Bankier Chigi in Rom (1520) 800 000 Dukaten; Julius II besaß einen Schatz von700 000. In Spanien besaßen nach Philippson im 16. Jahrhundert 105 geistlicheund weltliche Herren den größten Teil des Landes; die Reichsten hatten Jahresrentenvon 100 000 - 130 000 Dukaten, während Karl V. über 4,5 Mill. Dukaten verfügthaben soll; im 17. Jahrhundert gehörte Andalusien 5 Herren.
Langsamer bildeten sich die großen Vermögen in Mittel- und Nordeuropa . Aberimmer häuften sich die Besitzungen der Fürsten , der Großbankiers, des Grundadels von1400—1300 sehr, während bereits gewisse Schichten der mittleren und unteren Klassenihren Besitz ganz oder teilweise verloren. Die drei größten englischen Grundherrenhaben nach Macaulay 1690 Renten von 20000 — 60 000 Pfd. Sterling; die übrigenfchätzt Gregory King auf 800—4000 Pfd. Sterling jährlicher Einnahmen. Er giebt160 weltlichen Lords eine Durchschnittsrente von 2800 Psd. Sterling, den 800 Baronetseine solche von 800 Pfd. Sterling; diese Zahlen deuten auf Vermögen von 0,32—24 Mill.heutige Mark. Deutsche Kaufleute von 50 000—500 000 Gulden (a 3—6 Mk.) kommenim 16. Jahrhundert in Augsburg, Nürnberg und ähnlichen Städten vor; ja die zweiFugger hinterließen 1571 7 Mill. Gulden. In Basel gab es im 15. Jahrhundertfreilich nur 80—120 Personen mit über 2000 Gulden Vermögen, die reichsten hatten12 000—13 000. Dürer hinterließ ein solches von 6848. Im ganzen überwog einmittlerer Besitz, an dem auch die Handwerker teilnahmen. Die Geschlechter warenebenso durch ihren Hufen- und Rentenbesitz wie durch ihr bewegliches Kapital undihren Handelsbesitz wohlhabend. Ich führe einige Vermögenszahlen nach Bücher undSchönberg an: