Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Wertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen.

der Kampf um die Jahresämter die Bewerber, die Wähler, die Staatsverfassungkorrumpierte.

Zwei Wege der Änderung öffneten sich; beide führten in ihrem letzten Ziel zurMonarchie, d. h. wieder zu einer festen Regierungsgewalt. Der eine war der, daßkühne und groß angelegte Abkömmlinge der Aristokratie, wie die beiden Gracchen (134und 121), Livius Drusus (91), Sulpicius (88) und zuletzt Julius Cäsar in seiner erstenZeit (60) und neben ihnen die entarteten Demagogen wie Cinna und Catilina ver-suchten, aus den Gegnern der alten Senatsaristokratie (Rittern, Bauern, hauptstädtischemProletariat) eine starke populäre Bewegungspartei zu schaffen, um mit ihr große socialeReformen durchzuführen. Diese Zusammenfassung heterogener Klassen war aber in demfreien Verfassungsstaat nur möglich durch gefährliche Lockmittel, durch noch gefährlichereextrem demokratische Verfassungsänderungen, teilweise sogar nur durch Gewaltmittel wieBrutalisierung der Volksversammlung. Die kühnsten Demokraten wie die Gracchenund die weitsichtigsten Konservativen wie Drusus , standen an der Spitze dieser gewagtenBewegungen. Ihre socialen Grundziele waren berechtigt: Hebung und Wiederherstellungdes Bauernstandes, Neugründung von Kolonien, Verwendung der Staatsdomänen sürdie kleinen Leute statt für die großen, Erleichterung der Schuldner, Ausdehnung desBürgerrechts auf die Jtaliker ;c. Aber sie mußten, um diese Ziele zu erreichen, diePublikanen und Ritter auf ihre Seite ziehen durch die verderbliche Einräumung derRichterstellen, durch Herabsetzung der Steuerpachten, durch allerlei Begünstigung, diewesentlich die Macht dieser Kapitalisten und damit ihre Habsucht, ihren Einflußsteigerte, ja diese Klasse zu ihrer schlimmsten Entartung brachte. Und sie mußten, umdas hauptstädtische Proletariat zu gewinnen, das Stimmrecht auf die Freigelassenenausdehnen, die Getreidelieferungen zu geringem Preis oder fast umsonst in Rom ein-führen und so einige hunderttausend Faulenzer zu Staatspensionären machen, sie mußtenSchulderlaß bis zu ^/-t und allgemeine Sklavenbefreiungen versprechen, sie mußten denPöbel durch überteure Spiele, Gladiatorenkämpfe, Theater amüsieren und so vollendsdiese Demokratie zu jeder gesunden inneren Umbildung verunsähigen. Mit allen ihrenextremen Mitteln brachten es die Führer der Demokratie vor Cäsar zu keinem dauerndenErfolg, zu keiner.festen Macht, zu keiner die Erfolge sicherstellenden Verfassungsänderung.Sie wagten das Äußerste nicht, die Antastung der Republik .

Den anderen Weg schlugen die Generale ein. Seit der Bauernstand zurückging,und die Eroberung der Welt immer größere oft jahrelang abwesende Heere nötigmachte, hatten die großen reichen Aristokraten, zumal wenn der Senat kurzsichtigknauserte, wie schon Scipio Africanus , begonnen, Freiwilligenheere zu sammeln. Späterverweigerten die Bürger auch vielfach den Dienst. Marius machte dann die Frei-willigenwerbung zum System; nur noch Besitzlose wurden so geworben, ihre Fechtweiseaber vervollkommnet; dem militärtechnischen Fortschritt stand die sociale Kehrseitegegenüber, daß diese Soldheere große Beute, große Geschenke und vor allem Land-anweisungen bei der Entlassung forderten. Marius, der rohe Volksmann und Bauern-sohn, wie der geistreich cynische Aristokrat Sulla , der vorsichtige, mit allen Parteienpaktierende Pompejus, wie der geniale demokratische Politiker und Offizier Cäsar inseiner späteren Zeit, sie waren alle darin gleich, daß sie zunächst ihre großen Heere nachden Siegen befriedigen mußten, daß ihre vorübergehende oder dauernde Diktatur, mochtesie die alte Aristokratie retten wollen oder große sociale und demokratische Änderungenanstreben, zunächst eine Herrschast entarteter Soldaten war. Sie schusen damit eineneue seste, unumschränkte Staatsgewalt, aber auch eine Art Klassenherrschaft: die derSoldaten. Sie mußten mit so furchtbaren Konfiskationen und Hinrichtungen beginnen,daß sie Staat, Gesellschaft, Verwaltung hierdurch vergifteten und verdarben. Erst Cäsar wagte sich den extremen socialistischen Forderungen zu widersetzen. Auch so weit dieGenerale gesunde sociale, sowie richtige Verfassungs- und Verwaltungsreformen durch-führten, litten sie unter der Verknüpfung mit der Militärdiktatur und dem Fluch derGewalt, dem Fluch der Unterdrückung aller politischen Freiheit.

Aber es war in dem Sumpf der socialen Klassenzustände und der Bürgerkriege