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Der Untergang der Republik durch die KlassciMmpfc.
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der einzig mögliche Ausweg: je zerklüfteter, materialistischer, genußsüchtiger eine Gesell-schaft alter und hoher Kultur geworden ist, je bitterere und blutigere Klassenkämpfe siedurchgemacht hat, desto dringlicher bedarf sie einer Frieden stiftenden, ganz festen un-erbittlich herrschenden Staatsgewalt. Und Sulla , Cäsar und Augustus, dann dieImperatoren der ersten zwei Jahrhunderte des Principats verstanden eine solche, undzwar unter dem Schein der Erhaltung der republikanischen Staatsformen, aufzurichtenund zugleich große sociale und Verwaltungsreformen, soweit sie mit dieser Gesellschaftnoch möglich waren, durchzuführen. Die eigentlichen Klassenkämpfe hörten nun füreinige Jahrhunderte auf. Eine wirtschaftliche und kulturelle Nachblüte des großenReiches kam noch auf 1—2 Jahrhunderte zu Stande. Dann begann die volle innereAuflösung.
Die Epoche des Principats bis 300 n. Chr., des diokletianisch-konstantinischen Kaiser-reichs bis ins 6. Jahrhundert, zeichnet sich gegenüber der Zeit der Bürgerkriege durchein festes Regiment und die Verschmelzung von Italien mit den Provinzen, durchgleiches Recht für alle aus ; zweihundert Friedensjahre, wie sie die Welt weder vorhernoch nachher sah, wurden zunächst durch den Principat geschaffen. Aber während einst(300—200 v. Chr.) die Kämpfe zwischen Patriziern und Plebejern die innerliche Ver-söhnung und das Überragen der Gemeingefühle, die allgemeine Hingabe an den Staatgebracht hatten, vermochte der Principat nur die äußere Ruhe, den Schein der Republik und die Unterdrückung der gröbsten Klassensünden und -brutalitäten zu schaffen. Dochdas war schon viel. Mehr war nicht zu erreichen; das Schlimmste in der ganzen Zeitder kaiserlichen Verwaltung war die Erbschaft der Klassenkämpfe und Bürgerkriege, derTendenzen, des Geistes, den sie geschaffen hatten.
Den allgemeinen Schulderlaß und die allgemeine Neuverteilung des Grundbesitzes,den seine Partei forderte, hat Cäsar nicht bewilligt und so die Besitzenden von derTodesangst, die sie seit Marius und Sulla drückte, besreit. Aber die rückständigenZinsen wurden niedergeschlagen, die gezahlten vom Kapital abgezogen; eine strengeWucher- und Konkursgesetzgcbung in Italien und den Provinzen nach Vorbild derägyptisch-solonischen durchgeführt, welche jede persönliche Schuldknechtschaft für künftigunmöglich machte. Nirgends mehr Massenkonfiskationen und -Hinrichtungen, sondernVersöhnung, gegenseitige Duldung, Amnestie war die Losung. Neue große italischeund überseeische Bauern- und Veteranenkolonisation, aber aus freiem Staatsland odergelaustem Boden wurde jetzt und später üblich. Die neuen Kolonistenstellen erklärtCäsar für unverkäuflich auf 20 Jahre. Geldgeschenke an die Soldaten hörten nicht auf,aber Cäsar verdoppelte den Sold, und die besseren Kaiser hielten die Heere möglichst ander Grenze. Die Überzahl der hauptstädtischen Getreideempfänger (320 000) wurde aus150 000 wirklich Arme reduziert; bei dieser Zahl sollte es bleiben. Aus einer socia-listischen Pöbelfütterung sollte eine geordnete Staatsarmenpflege werden. Große Bautenin Rom und anderwärts sollten Beschäftigung geben. Auf den großen Viehgüternerzwäng man wieder die Beschäftigung von einem Drittel freier Arbeiter. Die jähr-lichen Getreidepreisschwankungen von 1 :10 suchte eine successiv sich ausbildende großestaatliche Annonarvcrwaltung zu beseitigen. Das Öl zum Salben in den Bädernwurde umsonst verabreicht. Das Familienleben und die Kinderzahl suchte man zufördern, den Luxus zu hindern. Die namenlose Ausplünderung der Provinzen durchdie oligarchischen Vögte und die Publikanen wurde durch die kaiserliche, viel strengere,kontrollierte Verwaltung, durch die zunehmende Beseitigung der Steuer-, Domänen- !c.Verpachtung an die Publikanen, durch die Übertragung italischen Rechtes und italischerMunicipalverfassung, durch die Auswanderung der Jtaliker in die Provinzen so er-mäßigt, daß Mommsen darin das wichtigste Mittel sieht, den italischen Kampf derReichen mit den Armen zu mildern und auszugleichen. Kein Wunder, wenn gerade inden Provinzen, in Gallien, Spanien, Nordafrika wieder ein viel größerer Wohlstandsich zeigte, und sich hier viel länger ein Stand mittlerer und kleiner Bauern erhielt. Aberauch in Italien blühte im ersten Jahrhundert des Principats der landwirtschaftlicheFortschritt durch die hohe Technik und Kapitalverwendung einer intensiven Kultur.