519 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen.
Freilich die ungesunde Anhäufung des Grundeigentums dauerte fort, wie die ent-setzliche Sklavenbehandlung. Diese milderte sich erst, als die Sklavenzufuhr aufhörte,der Großbetrieb sich in einen Kleinpachtbctrieb von Sklavenfamilien umsetzte, der so-genannte Kolonat entstand (vergl. I S. 373). Damit wurde der wie Vieh gehaltene, oftgefesselte, in den Sklavenkasernen zur Zucht verwendete Sklave wieder der Familie, demeigenen Haus, der Eigenwirtschaft zurückgegeben. Es beginnen im 4. Jahrhundert dieSklavenreformen: das Verbot des Verkaufs der Sklaven aus der Provinz, die Klage-erteilung gegen die Lastenerhöhung (325), das Verbot der Familientrennung (334),der Trennung der Sklavenfamilien von ihren Hufen (357). Der Menschenmangel,die wieder siegende Naturalwirtschaft, die fiskalischen und Militärinteressen der Kaiserhaben an dieser außerordentlichen socialen Besserung so viel Teil wie das von der Stoabeeinflußte Recht und das Christentum. Die Sklavenfreilassung hatte schon früherzugenommen; gute Haussklaven befreite man vielfach nach 6 Jahren. Die Freigelassenenhatte die kaiserliche Verwaltung stets hauptsächlich verwendet und begünstigt, den wohl-habenden z. B. die Ratsstellung in den Municipien zugänglich gemacht. Die Ver-wendung von Tausenden von Sklaven und Freigelassenen in der großen kaiserlichenHaus- und Staatsverwaltung hatte die beiden Stände ebenso gehoben wie die That-sache, daß seit dem Ende der Republik die meisten Millionäre, unfähig ihre Vermögenselbst zu verwalten, diese Verwaltung Sklaven und Freigelassenen überlassen mußten;viele Sklaven wurden so frei und wohlhabend.
Die beiden obersten bisher herrschenden Klassen, die alte grundbesitzende Senats-aristokratie und die Ritterschaft (die Publikanen, die Geldaristokratie) wurden vom Prin-cipat in feste Schranken gewiesen, reformiert, mußten sich in gewisse Amts- und Einfluß-sphären teilen. Die Ernennung zum Senat wurde Sache des Principats; nur wer miteinem gewissen Vermögen gewisse Amter bekleidet hatte, wurde Senator; die Söhne derSenatoren pflegten sich um die Ritterwürde zu bewerben Augustus schuf 5000 Ritter-stellen; sie wurden einer gewissen kaiserlichen Censur unterstellt, mußten zuerst alsOffiziere dienen, konnten dann die höheren Amter in dem kaiserlichen Dienst und inden kaiserlichen Provinzen in bestimmtem Turnus erwerben. Die senatorischen und dieRitterämter wurden mit Gehalten versehen. Beide Stände wurden aus einer über-wiegenden Besitz- wieder viel mehr eine Amtsaristokratie. Der Ritterstand verlor seinenCharakter als wucherischer Geldadel. Beide Stände stellten die Spitze der großenBerufsbeamtenschaft dar, die außer ihnen aus Freigelassenen, armen Freien, Sklavenbestanden. In den Municipien wurde der lokale Stand der größeren Grundbesitzer, diesogenannten Decurionen, in ähnlicher Weise wie für das Reich die Senatoren und Ritter,verpflichtet, den Rat zu füllen, die lokale Amtsverwaltung zu sühren, für die Steuernzu hasten. Auch hier sollte der Vermögensbesitz durch Amtspflichten innerlich gehobenwerden. Wir haben die Ausbildung dieser ganzen Amtsverfassung und speciell deszunehmenden geldbezahlten, arbeitsteilig geordneten Berufsbeamtentums, dessen definitiveAusbildung erst Diokletian vollendete, hier nicht darzustellen. Nur das sei bemerkt:diese Staatsmaschine war gewiß nicht vollkommen; sie war im 3.—5. Jahrhundertvon Härte und Habsucht entstellt; sie zeigt die häßlichen und greisenhaften Züge einersinkenden Kultur. Aber sie war ein heilsames Gegengewicht gegen die Ansprüche undEinflüsse des Prätorianerheeres; die Beamten hatten doch noch viel von dem alten Rechts-sinn und den festen Rechtsnormen der älteren Juristen bewahrt. Sie haben, wie Mommsenmit Recht betont, den Staat noch einige Jahrhunderte aufrecht erhalten und immerviel besser regiert als die Senatsaristokratie und die Publikanen von 20V v. Chr. biszum Principat.
Das damalige Beamten- und Militärregiment hat keine neue Gesellschaft zuschaffen vermocht, aber dafür auch keine eigentlichen Klassenkämpse geduldet, die häßlichstenbrutalsten Züge der älteren Klassenherrschaft beseitigt. Es hat keinen neuen gesundenMittelstand geschaffen; die Gesellschaft blieb im ganzen eine solche von Millionären undBettlern mit all' den traurigen Folgen eines solchen Zustandes. Aber die Millionäreregierten nicht mehr allein und konnten das Regieren nicht mehr hauptsächlich als