9651 Die römischen Klasseuknmpfe bis Julius Cäsar . 5(>7
seiner Bildung, als einer der seltenen Höhepunkte der Menschheit gilt, so kann unsdas nicht vor der Einsicht verschließen, daß die überwiegende alte Senatsaristokratiegegen 134 das Weltreich nicht mehr zu regieren, über die beginnenden socialen Zer-klüftungen und wirtschastlichen Entartungen nicht mehr Herr zu werden vermochte.Nachdem man alle Gegner niedergeworfen, Karthago und Korinth aus Handelsneidzerstört, den Handel von Capua, Tarent, Syrakus, Rhodos auch lahmgelegt hatte, standdiese vielfach bereits von habsüchtigen Wucherern abhängige und geleitete Senatsaristo-kratie 146—9V v. Chr. vor dem politischen Bankerott und der socialen Revolution.
Die neue Epoche (134—30 v. Chr.) charakterisiert sich durch große Reformanläufe,blutige Bürgerkriege und Massenschlächtereien, sociale und politische Staatsstreiche undDiktaturen; sie endigt mit der definitiven Herstellung der Monarchie. Die Klassen-kämpfe und die Klassenherrschaft spielen dabei die Hauptrolle. Die socialen Zuständesind keine wesentlich anderen als schon 242—134; ihre Symptome treten nur immergreller und ungünstiger hervor. Die Zahl der Sklaven wie ihre surchtbare Mißhand-lung wächst; entsetzliche Sklavenaufstände (134—132, 102—100, 73 ic.), die jahrelanggroße römische Heere beschäftigen, verwüsten Sizilien und Italien . Der Bauernstandnimmt weiter ab, obwohl die gracchischen Gesetze 80 000, die julianischen 120 000, diepompejanischen 20 000 neue Ackerstellen (beide letzteren vornehmlich sür Veteranen)schaffen. Die ungeheuren, von Beamten und Publikanen zusammengerafften Reichtümer,sowie Sitte und Zwang, sie in italischem Grund und Boden anzulegen, sind damalswie später verhängnisvoll für die Bauern geworden. Die Freigelassenen und der besitz-lose hauptstädtische Pöbel nimmt weiter an Zahl und Einfluß zu. Die hauptstädtischeMasse entartet zu einem anarchischen, für Jeden käuflichen Lumpengesindel in der Hand vonliederlich-verbrecherischen Bandenführern und Kanaillen. Die Habsucht der kapitalistischen Kaufleute und Geldmänner entartet in Asien so, daß Mithradates unter dem Beisallaller Bedrückten (88) in Kleinasien 80 000 oder 150 000 italische Personen, d. h. Publi-kanen und ihr Personal an einem Tage, bald darauf 20 000 in Delos morden lassenkonnte; die Publikanen, hieß es, entvölkerten ganze Provinzen durch ihre Sklavenjagden;„vor ihnen ist alles Recht eitel und die Freiheit der Bundesgenossen nichts;" vergeblichhatten die edelsten Staatsmänner, die Scipionen, Amilius Paulus, Cato Zc. für Ein-schränkung ihrer Rechte und ihrer Macht gestritten; sie werden die unbarmherzigenGläubiger der Senatoren und der Bauern, der sremden und bundesgenossischen Städte;sie kaufen bei der Mafsenkonfiskation des Sulla, Marius zc. die Vermögensstücke derGemordeten und verdienen daran 1000—2000 °/o. Gegen das Jahr 100 v. Chr. hieß es,es gebe nur noch 2000 reiche Leute in Italien . Marius hat dann 50 Senatoren und 1000Ritter, Sulla deren 40 und 1600 gemordet, um sie ihres Vermögens zu berauben; der Ertragwar im letzteren Falle 81 Millionen Mark, der wirkliche Wert war der 10—20 fache.Es hat wohl nie vorher und nie nachher eine klügere, aber auch nie eine habsüchtigereund gemeinere Klasse von Geldmännern gegeben als diese Publikanen der Bürgerkriege,die in ihrer Doppclstellung als Steuerpächter, Gerichtsherren, Reeder, Bankiers, Plantagen-besitzer und Sklavenjäger alles an sich rissen. Nicht das Kapital an sich hat sie soentarten lassen, sondern eine Reihe einzigartiger Gesellschasts- und Staatszustände;hauptsächlich der Umstand, daß alle große Politik zur Geldsache entartet war. Mankönnte sagen: die erste große Epoche geldwirtschaftlicher Ungebundenheit und kapitalistischerFreiheit in einem alle Konkurrenten vernichtenden Weltreich mußte solche Entartung er-zeugen. Die Menschheit mußte auch hier ein furchtbares Lehrgeld zahlen.
Die letzte Ursache aber sür all' diese Mißstände wie für die Revolutionen undBürgerkriege lag darin, daß die alte große Aristokratie seit 200 v. Chr. im Niedergangwar, daß die aristokratische Senatsregierung mit ihrer Schwerfälligkeit, ihrem Faktions-treiben zur Regierung der Provinzen wie zu großen Reformen unfähig war, daß diedurch Volkswahl geschehende Besetzung der Jahresämter keine feste Regierung mehr auf-kommen ließ, daß in den Komitien früher ein ehrbarer Bauernstand, jetzt ein genuß-süchtiger, besitzloser, fauler, bestechlicher Stadtpöbel entschied, daß die Wahlen nur einBörsen- und Geldgeschäft geworden waren, daß Konsulat, Tribunat, Censur entarteten.