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Dic Übertreibungen und falschen Mittel des Merkantilsystems.
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meist so kompliziert geworden, daß nicht mehr zu übersehen war, wie er im einzelnenwirke; der Zoll aus den Rohstoff verteuerte die Halbfabrikate, der aus Gespinste dicWeberei. Wenn man mit Rückzöllen und Prämien die Aussuhr der durch Zölle ver-teuerten Waren durchsetzte, erzeugte man neue Erschleichungen und Betrügereien allerArt. Meist waren die Abgaben, die aus verschiedener Zeit stammten, noch nicht uni-fiziert, flössen oft nicht in eine Kasse; der Aufenthalt und die Hemmung, die hieraussich ergaben, wurden uni so unerträglicher, je mehr der Verkehr wuchs. Bei allen Ände-rungen, die in den Parlamenten und in den Ministerien beschlossen wurden, fehlte dieheute vorhandene internationale Kenntnis der Produktionskräfte, des fremden Handels.Jeder Staat hütete seine Kenntnisse, ost sogar seine Tarife, jedenfalls die Instruktionenzu ihnen als Geheimnis.
In Frankreich ist der handelspolitische Verwaltungsdienst vom Tode Colberts anzurückgegangen; England bot von 1760—1783, in der Zeit, da A. Smith es be-obachtete, das Bild einer ganz entarteten Handelspolitik, einer durch Unverstand undHandelsintriguen der Unternehmerkreise beherrschten Kolonialpolitik; der Wohlstandstagnierte, das Land stand beim Frieden von Versailles 1783 vor dem finanziellenBankerott. In Preußen erschien seit dem Tode Friedrichs des Großen das alte Systemüberlebt. Der Boden war so allerwärts vorbereitet sür eine neue Theorie und eineneue Ära der Handelspolitik.
Waren es so wesentlich die praktischen Übertreibungen und technischen UnVoll-kommenheiten der Ausführung, die das System bei den Staatsmännern diskreditierten,in der öffentlichen Meinung konnten sich auch die theoretischen Formulierungenseiner Gedanken immer weniger halten. Wir kommen im nächsten Paragraphen aus die neuefreihändlerische Theorie, welche die merkantilistische bekämpfte, ergänzte. Wie diese, ein-seitig auf dem internationalen Kampfgedanken aufgebaut, die politische Seite der Handels-institutionen entwickelt hatte, so ging jene von der ebenso sehr vorhandenen anderenSeite des Handels, seinem Nutzen sür die Tauschenden, seinen individualistischen Ursachen,seinen Preiswirkungen aus. Auch sie mischte Wahres mit Falschem, trat zunächst ein-seitig, übertreibend auf, aber sie war gegenüber den Einseitigkeiten des Merkantilismusein befreiender Fortschritt. Wir werden das sehen. Hier sei nur über die wichtigstenfalschen oder übertriebenen Theorien des Merkantilismus noch ein Wort gesagt.
Eine Hauptstütze des alten Systems war die Einteilung des Handels in ver-schiedene Zweige und der versuchte Nachweis, daß von diesen einzelne ebenso nützlich,wie andere schädlich feien. Es wird der Zwischen- und der Frachthandel, der Kolonial-handel und der Exporthandel von Manusakten, die dem Inland Arbeitsverdienst ge-geben haben, sowie die Einfuhr von zu verarbeitenden Rohstoffen ebenso gelobt, wiedie Einfuhr von Luxuswaren und die von solchen Waren, welche man auch im Inlandmachen kann, deren Bezug die Beschäftigung der inländischen Arbeiter vermindere, ge-tadelt. Hauptsächlich wird aller inländische Handel gegenüber dem auswärtigen, derallein die Geldmenge im Lande vermehren könne, gering geschätzt. Die Art, wie diespäteren Merkantilisten diese Einteilung vortragen, z. B. Forbonnais, dem Friedrichder Große beinahe wörtlich folgt, enthält manches Richtige, aber auch vieles Schiefe.Auf die Bilanz kommen wir gleich. Nur das Eine sei hier noch angemerkt. A. Smithstellte diesen Betrachtungen nun eine umgekehrte Übertreibung gegenüber. Er siehtden Kolonial- und allen Zwischenhandel sast sür schädlich an, weil sie das Kapital nichtrasch umsetzen. Er hält allen Binnenhandel für wohlthätiger als den Außenhandel.Er übersieht dabei, daß (wie Torrens nachwies) der Austausch zwischen alten Kultur-und Gewerbeländern und dünnbevölkerten, aber fruchtbaren fernen Ackerbaugebieten einerder gewinnbringendsten ist, weil er sür beide Arten von Ländern wichtige Bedürfnisseam billigsten befriedigt. Und derartigen Handel förderte das Merkantilsystem für Holland und England teilweife allerdings auf Kosten ihres Binnen- und Nachbarhandels.
Der theoretische Grundgedanke nun aber des Merkantilsystems war die halbvölkerrechtliche, halb volkswirtschaftliche Lehre, die z. B. auch Voltaire so sehr betont,daß im internationalen Handel der Vorteil des einen Staates stets den Nachteil des