Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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gg4 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen.

anderen bedeute. Diese Theorie hatte ihren Ursprung in den Kolonialkämpsen, in derAusnutzung der Machtungleichheit, in den Übervorteilungen und Ausbeutungen desZeitalters. Dieser pessimistische Satz ist gerade so übertrieben, wie der entgegengesetzteoptimistische der Freihandelslehre, daß bei jedem Tauschgeschäft und allem internatio-nalen Handelsverkehre stets beide Teile gleichmäßig gewinnen. Je nach den Kräftenund Spannungen kann das eine wie das andere der Fall sein. Vielleicht überwog im17. und 18. Jahrhundert mehr das erstere, im 19. mehr das letztere. Daß der Gewinndes einen der Verlust des anderen sei, war wahr, als die Holländer alle anderen euro-päischen Staaten aus den Molukken hinauswarfen, als sie die Scheide auf ewig sperrten,als Cromwell mit der Navigationsakte und den Seeschlachten den holländischen Zwischen-handel vernichtete, war wahr, als England den Franzosen Canada und Indien nahm.Es war wahr bei vielen Handelsverträgen und ihren Folgen. Es ist heute noch wahrim Kamps um den Kolonialbesitz, um die großen und wichtigsten Handelsstraßen (Suez,Panama usw.). Noch 1897 konnte dieSaturday ReView" ausrufen: wenn Deutsch-land morgen aus der Welt vertilgt würde, so gäbe es übermorgen keinen Engländer,der nicht um so viel reicher würde.

Alle Menschen, alle Staaten und Volkswirtschaften stehen sich auf der einen Seitefeindlich, aus der anderen freundlich gegenüber. Sie kämpfen um Vorteile, suchen dieanderen auszustechen, ja zu vernichten, und daneben brauchen sie einander wieder undmüssen sie sich gegenseitig fördern. (Vgl. oben I, § 32.) Aller Handel und alleHandelspolitik hat dieselbe Doppelnatur: eine feindliche und eine friedliche Seite; dieStaaten haben stets bald friedlichen Verkehr, bald Kämpfe aller Art bis zum Zoll- undzum wirklichen Kriege; nach dem Kampfe streben sie wieder nach Staatsverträgen, nachKompromissen, die beiden Teilen nützen wollen. Je mehr der Friede der Staaten unter-einander, das geläuterte Volkerrecht siegt, je gleichere Gewalten einander gegenüberstehen,desto mehr wird der friedliche Austausch mit gegenseitiger Förderung, mit beiderseitigemGewinn den breiteren Raum in den gegenseitigen Beziehungen einnehmen.

Nur eine Unterart des Gedankens, daß der Gewinn des einen stets der Verlust desanderen sei, ist die im 17. und 16. Jahrhundert entstandene Handelsbilanz lehre(vgl. I, S. 8586). Sie vergleicht den Geldwert der Ausfuhr eines Landes mit derEinfuhr; ein Plus der Wareneinfuhr über die Ausfuhr erklärt sie für eine ungünstige,ein Plus der Warenausfuhr über jene für eine günstige Bilanz, weil sie Geld unddamit Reichtum, Verkehr ins Land bringe; jede Ausfuhrsteigerung erscheint als will-kommen, zumal eine solche von Manufakten, an dem Einheimische viel Arbeitslohnund Unternehmergewinn verdient haben. Die Theorie trat mit manchen schiefen, jafalschen Forderungen auf; sie ist aber in ihrem Ursprung, ihrem Grundgedanken nichtso falsch, wie Hume und A. Smith gemeint haben.

Ihre Wurzel liegt in der historischen Thatsache, daß die sich ausbildende Geld-wirtschaft in allen Gebieten ohne Edelmetallproduktion mit einem chronischen Mangelan Metall und Münze, vor allem an guter eigener Landcsmünze zu kämpfen hatte.Daher suchten seit dem Mittelalter alle Städte und Gebiete ihre Münze, ost auch dasRohedelmetall festzuhalten, verboten oder erschwerten ihre Ausfuhr, kontrollierten allenHandel mit fremden Kaufleuten, zwangen sie ganz oder teilweise, ihren Erlös nichtbar, sondern in Landesprodukten mitzunehmen. So geschah es am weitgehendsten inVenedig, dann in England , noch im 18. Jahrhundert im schlesisch-polnischen Handel.Es war jedenfalls ein erwünschtes Hülfsmittel, der eigenen Produktion Absatz zu schaffen.Aus einer geldpolitischen wurde nach und nach eine handelspolitische Maßregel.

Als die größeren Staaten sich konsolidiert hatten, als sie anfingen, ihre Volks-wirtschaft, ihre Ein- und Ausfuhr als ein Ganzes zu betrachten, als letztere vom 16.bis 18. Jahrhundert von immer größerer Bedeutung sür alle Produktion und allen Absatzwurde, war es natürlich und heilsam, daß man sich eine Vorstellung von dem Wertder gesamten Warenausfuhr und -einfuhr verschaffte; man berechnete sie erst ganz rohdnrch eine Multiplikation der Zolleinnahme. Von 1697 an stellte England , von 1716an Frankreich, von 174850 an Preußen die erste wirkliche Warenhandelsstatistik für