624 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1082
und sonstigen Verschiedenheit der Staaten zeigen sich allerwärts ahnliche Tendenzen.Einige große allgemeine Ursachen müssen das bedingt haben.
Nach langer Fricdenszeit wird der relativ stabile Gleichgewichtszustand teils gleichstarker, teils sich wenigstens respektierender Staaten von verschiedener, aber doch mäßigerGröße erschüttert durch allerlei Kriege, Gebietsausdehnungen, staatliche Einheitskämpse,Eroberungen und Kolonialerwerbungen. Große Riesenreiche bilden sich, eine neueTeilung der von den Kulturstaaten noch nicht in Besitz genommenen Welt beginnt.Tie neuen Verkehrsstraßen haben nach innen und außen alle wirtschaftlichen Be-ziehungen geändert. Und so setzt eine neue Epoche der Spannungen und Kämpfe ein.Die staatlichen Bedürfnisse für Heer, Marine, Kolonien, Kriege wachsen von 1870 anriesenhaft. Große Zollerhöhungen erscheinen sast überall schon aus Finanzrücksichtenunvermeidlich.
Nach der großen Aufschwungszeit von 1840—1875, die überall intensivere Land-wirtschaft, größeren Verkehr, die neue Großindustrie geschaffen, die Bevölkerung sehrvermehrt hatte, zeigt sich in den alten Kulturstaaten, daß dieser erste rasche Fortschrittnicht gleich leicht im selben Tempo sich fortsetzen läßt; die weitere Steigerung derintensiven Landwirtschaft, der Industrie, des Absatzes, die weitere Unterbringung derwachsenden Menschenzahl wird schwieriger; die Konkurrenz wird nach innen und außenstärker, die Krisen schwächer an sich, gehen nicht mehr so rasch vorbei wie 1824—1866.Man sucht nach Hülsen, findet sie in der Fernhaltung sremder Konkurrenz.
Unter den großen Verschiebungen, welche den Ausschwung von 1840—1875 er-zeugt, steht die Thatsache des Massenverkehrs mit Lebensnntteln oben an. Die großenAgrarstaaten, hauptsächlich Nordamerika und Rußland , beginnen (statt der Küsten-gebiete an Nord- und Ostsee, statt Österreich-Ungarns ) das dichtbevölkerte industrielleWesteuropa, hauptsächlich England , mit Getreide zu versorgen. Die großen Agrar-staaten gewinnen ungeheuer durch diesen Export, und eben deshalb wollen sie auchbald die Bezahlung ihrer Ernteüberschüsse nicht mehr durch die Fabrikwaren der Be-zugsländer nehmen, sie verlangen eine eigene Industrie und schaffen sie sich durchSchutzzölle. Daraus entspringen heftige Kämpfe, wie die große Frage, welche Folgender einseitige Industrie- und Agrarstaat habe.
So entstehen überall neue Interessen, neue Machtgruppierungen, neue Fragen derHandelspolitik und des Völkerrechtes. Und die uralte natürliche Folge jeder staat-lichen Macht zeigt sich: die Macht wird für die großen nationalen Wirtschastszweckegebraucht, der kosmopolitische Idealismus der Freihandelsepoche tritt zurück, diedoktrinären Freihandelstheorien verlieren an Kredit, werden durch analoge Doktrinendes Schutzzolles abgelöst. Das Wahre und Bleibende aus der Zeit von 1780—1875wird verkannt und unterschätzt. —
Wir betrachten zunächst die Handelspolitik der zwei Riesenreiche, welche dieReaktion am stärksten ausgeführt haben: Rußland und die Vereinigten Staaten .
g,. Der russische Tarif von 1868 war noch ein gemäßigter Schutzzoll gewesen;der russische auswärtige Handel war 1861—1880 mit den geringen Zöllen von 303auf 1036 Mill. Rubel gestiegen; sein Getreideexport hatte sich 1872—1878 mehr alsverdoppelt, der deutsche Export dahin hatte sich 1863--1882 vervierfacht. Aber dertürkische Krieg hatte die Finanznot gesteigert, in eine schlimme Papiergeldwirtschafthineingeführt. Der rasche teure Eisenbahnbau mit ausländischem Kapital und dieZinszahlungen ans Ausland hatten die Bilanz sehr verschlechtert, die Zolleinnahmenerschienen zu gering. Man ließ die Zölle vom 1. Januar 1878 an in Gold zahlen, waseine Erhöhung von 33°/o bedeutete, und schlug 1880 noch 10°/o dazu. Die Verstimmunggegen Deutschland war seit dem Berliner Kongreß im Wachsen; die Panslavisten wolltenRußland von Europa und vor allem von Deutschland loslösen. Zuerst versuchte Finanz-minister Bunge noch mit maßvollen Mitteln unter Schonung und Förderung derMillionen armer Bauern zu helfen. Als aber der kaiserliche Entschluß zu starkeneventuellen Vorstößen nach West und Ost feststand, als eine aggrefsive Machtpolitikmit stärkster Heeres- und Flottenvermehrung einsetzte, mußten krästigere Mittel ergriffen