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werden. Die Losung wurde: stärkste Erhöhung aller Steuern, auch der Finanzzölle,hohe Zollbelegung auch der Rohstoffe und der Halbfabrikate, steigende Schutzzölle fürdie Eisen- und Maschinenindustrie, die Textilgewerbe, die Industrie von Zucker, Bier,Chemikalien, kurz für alle möglichen neuzuschaffenden Großgewerbe, bis endlich der neueTaris vom 11. Juni 1891 alle Erhöhungen von 1881 an zusammenfaßte und nochsteigerte, bei Sätzen von 6V—150, ja von 200 °/o des Wertes, bei einem die Ver-einigten Staaten übertreffenden Hochschutzsystem ankam. Einführung von Rückzöllenund Prämien, Verminderung der Einsuhr, Steigerung der Ausfuhr um jedenPreis, zugleich Vollendung der russischen Eisenbahnen, Verminderung der Eisenbahn-tarife, Ausbildung und Verbilligung des Kredits, Vermehrung der russischen Ausfuhrnach dem Osten, nach Persien, China, Centralasien , Rückkehr zu einem sehr beengendenFremdenrecht in sämtlichen Westgouverncments durch das Gesetz vom März 1887, dasden Fremden den Erwerb von Grundeigentum verbietet und die zahlreichen Unter-nehmungen in westeuropäischen, hauptsächlich deutschen Händen russifizieren will, —das waren die Ziele der russischen Finanz- und Wirtschaftspolitik, die bis heute mitaller Energie festgehalten werden.
Zwei energische,rücksichtslose Finanzminister,derzweite 1893 —1903 amtierende,Witte,ein genialer Finanzmann im Stile John Laws, wußten ein System der Geldbeschaffungum jeden Preis für eine kühne Expansionspolitik auszubilden, hauptsächlich der letztereverstand Gründungen aller Art zu fördern, Kartelle zu schaffen, dabei alle Fäden desprivaten Erwerbslebens, des Kreditwesens, der Finanzen in seiner Hand zu vereinigen,und doch dem privaten Erwerbstrieb der Großfabrikanten die weitesten und günstigstenChancen zu eröffnen. Die wichtigsten Industrien, vor allem die Eisen- und Textil-industrien machten, zumal 1891—1898 riesenhafte Fortschritte. Der Jahresproduktions-wert der russischen Industrie ist 1887—1397 von 1334 auf 2839 Mill. Rubel ge-stiegen. Das fremde Kapital strömte massenhaft herein; Dividenden Von 100°/« warenhäufig. Und wenn dann 1898—1902 viele fremde Kapitalisten drei Viertel verloren, mancheGeschäfte eingingen, fo blieben doch die meisten Fabriken bestehen und gingen eventuellin andere, womöglich russische Hände über. Die russische Ausfuhr, noch 1868 226 Mill.Rubel, stieg auf 7—800 Mill. Die Einfuhr besteht jetzt überwiegend aus unentbehr-lichen Materialien und Maschinen für die Neugründungen; an Konsumwaren trifft manin Rußland sast nur noch russische. Das russische Reich hat sich 1800—1899 von 18 aus22,4 Millionen ^iM, von 42 auf 128,9 Millionen Seelen ausgedehnt; vom äußerstenNorden reicht es bis in die warme Zone, erzeugt schon ^/s seines Baumwollbedarfes selbst.Rußland erhielt erst durch seinen Eisenbahnbau 1870—1900 das Gefühl feiner Einheitund Aktionsfähigkeit, durch das massenhafte Einströmen fremden Kapitals die Möglichkeiteines ganz großen Aufschwunges. Aber es wollte nun allzu rasch die kapitalistische Ab-hängigkeit vom Auslande durch eine fast gewaltsame Handels-, Fremden-, Eroberungs-und Kolonisationspolitik überwinden.
Freilich die Verschuldung des Staates ist ungeheuer, fast bis zur politischen Ge-fahr gewachsen; an Schuldzinsen hierfür und sür Eisenbahnen, Aktien u. s. w. waren schon1896 jährlich 150 Mill. Rubel ans Ausland zu zahlen; das Leben ist verteuert, allePreise sind sehr gestiegen; die Eisenbahn- und Jndustriegesellschaften hätten um Millionenbilliger entstehen können. Die Steuern erdrücken das Volk. Eine kleine Schichte Kultur-menschen mit westeuropäischer Bildung steht über Millionen Barbaren niedriger Stufe,ein großer Teil des Bauernstandes ist ruiniert und halb verhungert. Der Dirigentdes ganzen Systems ist entlassen, nachdem einer der Großfürsten die Not der Provinzendurch eine Jnkognitoreise festgestellt und dem Kaiser berichtet hatte: Wir müssen denAbenteurer, der Rußland an den Rand des Abgrnndes gebracht hat, so schnell wie mög-lich los werden. Andere Stimmen versichern, er habe keinen andern Ausweg mehr ge-wußt, als das Einlenken in konstitutionelle Bahnen, und sei deswegen gefallen.
Immer bleibt Rußlands wirtschaftlicher Aufschwung durch das Schutzsystem von1882—1904 und seine Eroberungen nach Osten eine große weltgeschichtliche That-sache. Es ist eine Merkantilpolitik ähnlich der westeuropäischen im 16. und 18. Jahr-
Sch moller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. l.—Aufl. 40