Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. f4<)84
hundert. Rußland mußte im Zeitalter des Eisenbahnbaues außerordentlich an Machtund Wohlstand zunehmen; eine industrielle Schutzzollpolitik war nicht falsch in solcherZeit. Aber sie hätte, maßvoller und langsamer durchgeführt, besser und gesundergewirkt, sie hätte dann nicht den Bauernstand zu ruinieren, die Unterthanen durchSteuern auszupressen, das Gcfüge der Volkswirtschaft nicht so heillos kapitalistisch zukorrumpieren, den Staat nicht so zu verschulden brauchen. Es war zu sehr eine Politik,die auf Kosten der 83°/o landwirtschaftlicher Bevölkerung, zu Gunsten einer kleinenMinorität von Industriellen, Kaufleuten und des Teils der Beamten, die sich mit ihnenVerbündeten und bereicherten. Es ist eine Politik, wie sie nur ein bureaukratischerDespotismus treiben kann, der noch nicht genügend über reine Hände verfügt, der nochkeine aufgeklärte öffentliche Meinung, keine genügend starken Organe einer gesundenSelbstverwaltung besitzt.
d. Eine Parallele zur Handelspolitik des östlichen, über ganz Nordasien sich aus-dehnenden Riefenreiches bildet die der Vereinigten Staaten von 186V bis heute.Hier wie dort eine großartige agrarische Ausdehnung mit der Zeit der Eisenbahnenund im Anschluß daran das Verlangen nach einer durch die Handelspolitik herbei-zuführenden ebenfo glänzenden gewerblichen Entwickelung, die zuletzt in eine imperia-listische Eroberungspolitik einmündet. Die 13 Neuenglandstaaten nebst den von England abgetretenen Gebieten bis an den Mississippi, die 1783—1803 die Union bildeten, um-faßten 1800 etwas über 2 Mill. Geviertkilometer und etwas über 5 Mill. Seelen;dazu kam 1303 der Ankauf des französischen Louisiana zwischen Mississippi und Mexiko von ähnlicher Größe; dann von 1345—1890 der große Erwerb bis zum Stillen Ozean;1890 zählte man 7,2, 1900 9,38 Millionen ^ra; die Bevölkerung zählte 1350 23,1880 50, 1900 76,3 Millionen Seelen (darunter 8,2 der rasch sich vermehrenden Neger).Auf einem reichen Boden mit den größten Naturschätzen und den besten natürlichenVerkehrsmitteln hatte eine auserlesene Mischung europäischer Einwanderer mit den sitt-lich-politischen, den geistigen und technischen Traditionen der höchsten Kultur ein ein-heitliches Kultur- und Staatensystem geschaffen, so großartig, wie es kein zweites giebt.
Wir haben oben (S. 610) auf die Anfänge der Handelspolitik der Union hin-gewiesen. Sie war stets beherrscht von der Thatsache, daß die Zölle die Haupt-einnahme der Union waren, daß die Landwirtschaft bis in die Gegenwart die Grund-lage des wirtschaftlichen Lebens und die Rohproduktenausfuhr der Hauptfaktor imauswärtigen Handel blieb, daß aber niemals daneben die gewerbefördernden Schutzzöllefehlten. Die Begründer der Union schon, Washington , Hamilton, Jefferson, Madisonwaren Schutzzöllner gewesen; auch in der sogenannten Freihandelsepoche 1832—1860 bliebendie Zölle auf 20—25 °/o des Wertes der zollpflichtigen Waren stehen, obwohl die süd-staatliche Pflanzeraristokratie damals herrschte nnd möglichsten Freihandel nach Europa wünschte. Der ungeheure Aufschwung von 1840—1860 — eine Folge der Ausdehnungnach dem Westen, der Eisenbahnen, des kalifornischen Goldes, der zunehmenden Menschen-und Kapital-Einwanderung — ließ keinen erheblichen Druck der englischen Konkurrenzaufkommen. Die Krisen von 1837—1839 hatten, wie die von 1357, freilich kurzemäßige Zollerhöhungen gebracht.
Man hat behauptet, ohne den Bürgerkrieg um die Einheit der Union und umdie Sklaverei 1860—1865 und die damit gegebene Finanznot wären die VereinigtenStaaten freihändlerisch geblieben. Es ist nicht wahrscheinlich; aber später und maß-voller wäre die Veränderung erfolgt. Die Verlegung der politischen Macht in denNordosten, in das Bevölkerungscentrum der Union, die stärkeren Krisen, der stärkereKonkurrenzkampf mit Europa , der Großbetrieb, die Trusts, die kapitalistische Organi-sation der führenden Kreise, all' das drängte auf eine Erhöhung der Zölle ebenso hin,wie das Finanzbedvrfnis.
Der Morilltarif von 1860 hatte schon vor dem Bürgerkrieg die Woll- und Eisen-industrie etwas besser geschützt. Die Durchschnittshöhe des Zolles erreichte 1862 37,2,1864 47,06°/«. Und wenn man dann 1872 die Zölle um 10°/o ermäßigte, 1875 thatman diesen Schritt zurück. Einzelne Herabsetzungen bis 1882 waren unerheblich; 1883