Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Die verschiedenen Ursachen des zunehmenden Handels.

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und Grenzgestaltung der Staaten weist erhebliche Teile einzelner Länder auf stärkerenAuslandsverkehr an als andere. Für alle Staaten, die sich ausdehnen, wie Preußen1815, der Zollverein 18341870, für alle Länder, deren innere Zollschranken fallen,kommen längere Epochen, in denen ohne starke Zunahme des Außenhandels der Schwer-Punkt auf der Zunahme des inneren Verkehrs liegt. Das Wachsen des Außenhandelsist so stets ein sehr kompliziertes Ergebnis verschiedener Ursachen und nicht bloß vongünstigen. Aber immerhin bleibt der Satz wahr, daß eine Zunahme eher auf Fort-schritt, eine Stabilität oder Abnahme eher am ungesunde wirtschaftliche Zuständehinweist.

In das komplizierte Spiel der Ursachen, die den Außenhandel beherrschen, greiftnun die jeweilige Handelspolitik als eine von vielen, häufig nicht als die wichtigsteein. Stets ist der Bedarf fremder Ware und die Zahlungsfähigkeit der Nation resp,die Möglichkeit, Gegenwerte zu beschaffen, das eigentlich Entscheidende für den inter-nationalen Handel. Sind diese letzten rein wirtschaftlichen Ursachen stark vorhanden,so wächst der Handel bedeutend auch bei Schutzzollsperre; und ein armes Land hat mitallem Freihandel keine große Aus- und Einfuhr. Großbritanniens Gesamthandel stieg17871840 unter dem Sperrsystem von 34 auf 184 Mill. F, 13401880 unterdem Freihandel von 184 auf 698, also damals wie 1 : 56, jetzt wie 1 : 34. Derfranzösische Handel nahm 18251860 zu von 954 auf 4174 Mill. Fr,,'-. (1 : 4>, 1860bis 1880 aus 8501 (1:2); wenn er dann bis 1900 nur aus 8807 Mill. Frcs. stieg, soist immer die Frage, sind die Schutzzölle oder die wirtschaftlichen Bedarfsursachen dieHauptsache. Natürlich übt aber jede freihändlerische Politik einen Reiz zur Zunahme,jede schutzzöllnerische eine umgekehrte aus; und beide wirken auf die Art sowohl derProduktion als des Verkehrs, also auf die einzelnen Zweige und Richtungen des inter-nationalen Handels. Das wissenschaftlich Bedeutungsvollste, was aus der Handels-statistik sich für wirtschaftliche und handelspolitische Zwecke herauslesen läßt, ergiebtsich also erst aus ihrem Detailstudium nach Handelsrichtungen und Warengattungen.Doch hierauf hier einzugehen, fehlt der Raum.

Wir werden als Gesamtergebnis der obigen Zahlen nur sagen können: dieeuropäische Handelsstatistik zeigt 18001840 einen mäßigen Fortschritt, der ebenso aufden damaligen mäßigen Wohlstand und geringen Verkehr zurückgehen wird wie auf dieSchutzzölle; sie zeigt ein enormes Wachstum von 18401880, was mit der liberalenHandelspolitik, aber Wohl noch mehr mit andern Ursachen zusammenhängt; sie zeigt inEngland und Frankreich 18801900 eine gewisse Stabilität, die nicht (jedenfalls nichtfür England ) aus der Handelspolitik allein, sondern wesentlich auch aus andern Ur-sachen zu erklären ist; Rußland, die Vereinigten Staaten, Osterreich zeigen 18801900Fortschritte, die trotz der höheren Schutzzölle erfolgen, die auf die Agrarausfuhr undsonstiges Gedeihen zurückgehen; Deutschland zeigt eine sehr starke Zunahme seinesAußenhandels, sie ist also wenigstens durch seine Schutzzölle nicht gehindert worden; sieberuht hauptsächlich auf seiner Kaufkraft für Rohstoffe, Kolonialwaren und Lebensmittel,für die wir durch Industrie- und Kapitalexport, sowie durch unsere großen Reedereiendie Zahlung zu beschaffen imstande waren.

Wir haben dabei vorgegriffen auf die Zeit von 18751900. Ihre veränderteHandelspolitik haben wir nun zu erklären. Das Hauptverdienst der Freihandels-periode war die Milderung der älteren handelspolitischen Kämpfe, die völkerrechtlicheErmöglichung eines großen internationalen Handels, wie die Weltgeschichte ihn bishernicht gekannt hat. In diese Bewegung kommt nun ein gewisser Stillstand, es folgteine neue Zeit stärkerer Kämpfe, die aber doch wesentlich anderer Natur sind als diedes 17. und 18. Jahrhunderts.

266. Die Rückkehr Rußlands und der Vereinigten Staaten zumHochschutzsystem im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Von 1780bis 1875 waren die freihändlerischen Gedanken im Vordringen gewesen, von 1875 bisheute führen sie bald kümmerliche, bald wirkungsvolle Rückzugsgefechte. Eine neue Epochedes Schutzzolles, ja des Merkantilismus beherrscht die Welt. Bei aller wirtschaftlichen