Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Viertes Buch. Tie Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen.

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Österreich-Ungarn hat sich, als seine besondere differentielle Begünstigung inDeutschland (18541865) durch die westeuropäischen Meistbegünstigungsverträge desZollvereins in die Brüche ging, durch seine Handelsverträge 18651869 überstürztder Freihandelsbewegung angeschlossen. Das Getreideexportbedürfnis Ungarns und derdortige landwirtschaftliche Aufschwung drängten dazu. Die starke allgemeine Ermäßigungder Jndustriezölle brachte 18671875 die Vernichtung vieler rückständiger gewerblicherUnternehmungen, die freilich zugleich ausrüttelnd wirkte, zum technischen Fortschritt,zur Specialisierung hinsührte. Diese Vorgänge und die Krisis von 1873 an erzeugtenaber zugleich den handelspolitischen Umschlag. Österreich kündigte schon 1876 die Handels-verträge; das Zollgesetz vom 27. Juni 1878 erhöhte 37 Artikel, hauptsächlich Garneund Gewebe, erheblich und alle um 15°/o durch die Goldzollzahlung, drohte den nicht-meistbegünstigten Staaten mit 10°/» Zuschlag; die Ungarn wurden aus Freihändlernmehr und mehr agrarische Schutzzöllner, doch setzten sie diesmal noch keine Getreide-und Mehlzölle gegen den konkurrierenden Osten durch. Diese österreichische autonomeAktion war das Signal für eine starke handelspolitische Verstimmung zwischen Österreich und Deutschland , die von 18761890 dauerte, oft dem Zollkrieg nahe war; er wurdenur kümmerlich durch stete Verlängerung der Meistbegünstigung vermieden. Es fehlteinfolge der schutzzöllnerisch wachsenden Streitlust in Berlin und Wien das Verständnisund die Fähigkeit, die im ganzen doch kleinen Differenzen durch einen billigen Vergleich,oder was damals noch leichter als heute möglich war, durch eine Zollunion zu über-brücken. Der deutsche Tarif von 1879 wurde für Österreich der Anlaß zu dem vielhöheren Tarif von 1882 mit seinen Vieh- und Getreidezöllcn, mit seiner Absicht, allenHamburg-Österreichischen Handel nach Fiume und Trieft zu verlegen. Und als Deutsch-land mit einigen Erhöhungen folgte, kam es zum österreichischen Tarif von 1887, derweit über das Maß des von den Beteiligten selbst Geforderten hinausging, von denUngarn Wohl nur als vorübergehender Schreckschuß gegen Deutschland geplant war.Alle agrarischen und industriellen Produkte waren stark erhöht. Diesen Übertreibungenwurde durch den Dezembervertrag mit Deutschland 1891 ein Ziel gesetzt; da dieserVertrag aber ini ganzen an dem System nicht allzuviel änderte, er hauptsächlich nurweitere Erhöhungen bis 1903 verbot, so blieb der überhohe specialisierte, alles schützendeTaris bis heute bestehen, erzeugte Wohl eine starke industrielle Gründung, aber auchZollkriege und Spannung mit den östlichen Nachbarn, auf deren Handel und Versorgungdas Reich besonders angewiesen ist. Bei der heutigen Vorbereitung neuer Verträge(19001903) ist man in Ungarn und Österreich schutzzöllnerischer als je. Und diebeiden staatsrechtlich selbständigen Hülsten des Reiches stehen sich seindlich gegenüber;Ungarn will sehr hohe Agrarzölle, die den Handelsvertrag mit Rumänien unmöglichmachen, und deren Belastung fast nur Österreich, nicht Ungarn trifft; Österreich willseine neue Industrie auch künftig durch hohe Jndustriezölle schützen, aber Ungarn suchtden Verbrauch österreichischer Fabrikate in Ungarn indirekt trotz der Zolleinheit zuhindern, weil es selbst eine ungarische Industrie schaffen will.

Die kleine Schweiz kam mit ihrer entwickelten Industrie uud ihren minimalenZöllen von 1851 durch die Zollsysteme ihrer Nachbarn in eine recht peinliche Lage,bis es ihr gelang, erst mit Sardinien 1851, dann mit Frankreich 1865, mit Italien und Österreich 1863, mit Deutschland 1869 liberale Handelsverträge abzuschließen. Eingünstiger Wellenschlag der europäischen Handelspolitik hatte der Schweiz so ein Treib-holz zugeführt, das sie sroh war, 18681869 auf dem Trocknen zu sehen (Frey).Das folgende Jahrzehnt verlangte höhere Einnahmen; ein erhöhter Tarifentwurs, dernoch nicht Gesetz war, wurde 18781832 zur Erneuerung der Verträge, die unendlichviel Schwierigkeiten machten, benutzt. Von 18821887 dauerte die Bewegung, dieauf wesentliche Zollerhöhung für Lebensmittel, Vieh, gewerbliche Erzeugnisse, haupt-sächlich aber darauf gerichtet war, durch die Erhöhungen und die damit möglichen Kon-zessionen zu guten Verträgen zu kommen: der Tarif vom 16. Dezember 1887 ermög-lichte aber nur Verlängerungen der Verträge bis 1892. Für die wichtigen neuenVerträge von 1891 1893 wnrde der Tarif nochmals wesentlich erhöht (10. April 1891),