Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
Seite
631
Einzelbild herunterladen
 

1089)

Die neuere französische und italienische Handelspolitik,

631

lungen mit den anderen Staaten als ein unmöglicher Weg; man mußte den Tarifnachträglich immer wieder modifizieren.

Man hat gesagt, das System von 1892 habe Frankreich keine glänzende Ent-wickelung, aber eine ruhige Erhaltung seiner Landwirtschaft und Industrie gebracht, esentspreche seiner Bevölkerungsstagnation, seinem Rentnergeist, der geringen Initiativeseiner Kaufleute und Industriellen. Aber dieses schöne und große Land hat sich zugleicher Zeit in Algier und Tunis ein zweites Frankreich geschaffen von 0,39 Mill.Quadratkilometer und 6,9 Mill. Seelen, die bald zu 2030 anwachsen werden,und daneben ein großes Kolonialreich mit über 9 Mill. ^km und 52,6 Mill.Seelen. Frankreich kann richtig regiert noch einer großen Zukunft entgegen gehen.Aber nicht mit den alle paar Monate wechselnden Ministerien, die stets von heute aufmorgen das Zusammenschwinden der stützenden Majorität fürchten müssen, und nicht,wenn engherzige Baumwollspinncr, Zuckerfabrikanten und andere Interessenten, diemehr an ihren Geldbeutel als an das Vaterland, mehr an die heutigen Kurse als andie Znkunst der Volkswirtschaft denken, die Zoll- und Handelsgesetzgebung machen. InRußlands und Nordamerikas neuester Handelspolitik ist ein brutaler, aber doch eingroßer Stil, in der sranzösischen Kolonialpolitik ist kluge Kühnheit; seine Handelspolitikaber seit 1888 ist kleinlich und kurzsichtig, nicht sowohl wegen seiner hohen Agrarzölle,als wegen des herrschenden Geistes der Kammermajorität, wegen ihres Nichtverständ-nisses der heutigen Weltwirtschaft. Genieinsames Vorgehen mit anderen gegen die Ver-einigten Staaten hätte z. B. die Mac Kinley-Bill abgewendet; Frankreich wagte esnicht, hoffte auf einige kleine Sondervorteile für sich. Der schädliche Zollkrieg gegen dieSchweiz entstand wesentlich aus thörichtem Deutschenhaß; man wollte der Schweiz nichtskonzedieren, was auch Deutschland zu Gute komme. Die ganze Furcht vor neuenHandelsverträgen 18901892 entsprang wesentlich dem Arger, daß aus den neuenVerträgen, wie aus denen von 18811883, Deutschland auch wieder Vorteil zieheau? Grund der ewigen Meistbegünstigung. Mit solchen Gesühlsstimmungen macht mankeine große und gesunde Politik.

268. Die neuere Handelspolitik Mitteleuropas , hauptsächlichDeutschlands . Die bisher betrachteten Staaten waren nie ganz zum Freihandelbekehrt gewesen; von den zwei agrarischen Riesenreichen kann man sagen, es sei natürlich,daß sie eine Industrie haben wollten; von Frankreich , daß es als stabiler Staat sichähnlich wie einst das Holland des 18. Jahrhunderts den Schutzzöllen zugewandt habe.

Aber auch die meisten übrigen europäischen Staaten machten die Umkehr mehr oderweniger mit. Freilich wenn das von moderner Technik noch kaum berührte, von fremdenManufaktcn und fremdem Handel beherrschte Spanien 1877 zu hohem Schutzzoll und vonallen Staaten zuerst zu einem Maximal- und Minimaltaris überging, wenn das jungeKönigreich Rumänien seine freihändlerische Epoche, die zugleich die Zeit seiner Abhängigkeitund Ausbeutung durch England und Österreich war, 1886 durch einen Schutzzolltarifund Zollkrieg mit Österreich beendigte und 1891 seine Zölle weiter erhöhte , so warendas nur Symptome der Unbefriedigtheit rein agrarischer Zustände. Aber auch Italien ,die Schweiz, Österreich-Ungarn, dann Schweden, Norwegen und Belgien schritten zurUmkehr. Und Holland und Dänemark konnten als kleine See- und Zwischenhandels-staaten natürlich am wenigsten im selbständigen Schutzzoll eine Rettung ihrer schwierigenLage finden; dazu waren sie zu klein; und den Zollanschluß an größere Staaten hindertezunächst die politische Eisersucht.

lu Für das agrarische Italien , das den Freihandel von Cavour und Piemontüberkommen, erschien aus Gründen der Finanz und der Jndustrieerziehung schon 1870bis 1874 eine Enquete angezeigt, die prüfte, ob der Freihandel eigentlich etwas tauge;30. Mai 1878 folgte der neue etwas höhere Tarif, der zugleich die meisten gemiß-brauchten Wert- in Gewichtszölle verwandelte; 1887 eine Enquete und 1887 (4. Juli)ein stark erhöhter Generalzolltarif, der den Handelskrieg mit Frankreich erzeugte. Seitherhat das Land das Maß industriellen Aufschwunges hauptsächlich in seiner Gewebe-industrie erlebt, die ihm^ohne Kohlen- und Eisenschätze möglich ist.