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obwohl die Einsichtigen klar sahen, daß die großen schweizerischen Industrien keinenSchutz brauchen, die Agrarzölle das Leben verteuern, nur große Länder heute vernünftigeSchutzzollpolitik treiben können. Aber die Bauern und Handwerker forderten die Schutz-zölle, und die klugen Lenker der schweizerischen Politik benutzten den „Trutz- undNegationstarif" geschickt bei den Verhandlungen mit dem Ausland. Deutschland mußtewegen dieses Tarifs von 1392 an viel höhere Zölle im Durchschnitt in der Schweiz bezahlen als vorher, mit Frankreich entstand durch denselben der schon erwähnte Zoll»krieg 1892—1895. Die deutsch -schweizerische Aus- und Einfuhr ist trotzdem gestiegen;sie betrug 1885 236, 1890 353, 1895 363, 1900 462 Mill. Mk. Mäßige Zoll-erhöhungen wie die schweizerischen von 1887—1892 überwindet eben die Kraft, die inder wirtschaftlichen Entwickelung an sich liegt.
In Schweden wurden die zahlreichen Aus- und Einfuhrverbote 1824 verringertund zugleich die zollpolitische Verschmelzung mit Norwegen angebahnt; 1317—1358ging man zum Freihandel über; 1879—1880 erhöhte man die Finanzzölle, 1888 kamendie agrarischen und gewerblichen Schutzzölle; ein harter Kampf vor allem der Bauerngegen die freie Handelspolitik hat den Umschwung herbeigeführt; nur noch gewisseHandelskreise und Arbeiter vertreten den Freihandel. Belgien ist seiner Größe undLage nach auf freien Verkehr angewiesen; seine alte Jndustrieentwickelung erleichterteihm den Übergang zu einer liberalen Handelspolitik 1351—1861 , die 1870 — 1881vollendet wurde. Der Tarif vom 8. Mai 1881 war aber schon gegen 1361 erhöht,1887 kam mit den ultramontanen Ministern ein agrarisch-industrieller Schutztarif, deraber immer nur Zölle von 10—15°/o, vereinzelt bis 20 "/o brachte.
Wichtiger für das allgemeine Interesse ist die Veränderung in der Handelspolitikder beiden specifischen Freihandelsländer Deutschland und England . Wir bleiben zunächstbeim ersten stehen.
d. Wir sahen oben, daß die Hinwendung des neuen deutschen Reiches zumFreihandel ebenso sehr politischen als wirtschaftlichen Ursachen zu danken war. Bismarck regierte 1867 — 1876 mit den Liberalen gegen die Ultramontanen und die Konservativen.Seine finanziellen GeHülsen standen nicht voll auf der Höhe; die Leiter der Reichs- undder preußischen Finanzen vertrauten 1867 — 1877 zu sehr auf die guten Jahre, keineerhebliche Reform und Einnahmesteigerung fand statt. Die Überführung der französischen Milliarden-Kontribution nach Deutschland wurde ungeschickt geinacht, steigerte die Über-spekulation 1371—1873 und die Krise von 1873. Die lange nun folgende Depressionüberschwemmte Deutschland mit sremden, hauptsächlich englischen Waren; die Erhöhungder Eisenbahnfrachten von 20°/o unmittelbar nach Ausbruch der Krise war ein ebensogroßer Fehler wie die Herabsetzung der Eisenzölle von 1873—1877. Die freihändlerischeReichstagsmajorität war unfähig, die wirtschaftliche Lage richtig zu beurteilen.
Die Gegenmächte organisierten sich; 1876 entstand der Centralverband deutscherIndustrieller, in dem die schutzzöllnerischen Spinner und großen Eisenhüttenwerke vor-herrschten. Der Rückgang des deutschen Lebensmittelexportes nach England und diefremde Getreidekonkurrenz machte einen steigenden Teil der Rittergutsbesitzer zu Schutz-zöllnern. Der Liberalismus war im ganzen 1373—1880 im Rückgang. Die Auf-fassung von den wirtschaftlichen Aufgaben des Staates wurde durch die Erfolge derdeutschen Politik und die Wandelung in der deutschen Staatswissenschaft eine wesentlichandere. Das Nationalgefühl hatte sich gesteigert; man wollte sich handelspolitischvom Auslande nicht mehr alles so gefallen lassen wie in den Tagen des Zollvereins.
In Bismarcks Persönlichkeit führte die Mißstimmung über die handelspolitischenÜbergriffe und Vorstöße des Auslandes, Österreichs, Frankreichs, Rußlands zunächst zumWunsche nach gewissen Handhaben der Retorsion; zweimal schlug der Reichstag einenGesetzesentwurs über Ausgleichsabgaben fälschlicher Weise ab, ebenso die Vertagung derEisenzollaufhebung (gegen die freilich auch die Minister Camphausen und Achenbachwaren). Der Rücktritt Delbrücks (Mai 1876), des talentvollsten Vertreters des Frei-handels in der Regierung, von seiner Stellung als Präsident des Reichsamtes desInnern nötigte Bismarck , sich mehr um die Handels- und Finanzpolitik zu kümmern;