Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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^',4 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1992

er ließ Rcichssteuerprojckte ausstellen (1877), verhandelte mit Bennigsen über sie unddessen Eintritt in die Regierung, was, wenn gelungen, einen Kompromiß mit der altenWirtschaftspolitik bedeutet hätte. Bennigsen und der Reichstag versagten (Ende 1877,Ansang 1878), der preußische Finanzminister Camphausen, ebensalls Freihändler, tratauch zurück. Bismarck ging nun mit einem neuen Reichstag, in welchem die Schutz-zöllner sehr verstärkt waren, energisch aus sein Toppelziel der Reichsfinanz- und Tarif-reform los. Eine Enquete über die Textil- und über die Eisenindustrie sollte dasMaterial sür den Umschwung beschaffen. Noch im Oktober 1878 erklärte Bismarck ,nur eine Erhöhung des Tarifes werde neuen Verhandlungen mit dem Auslande Ersolgverschaffen; eine Preiserhöhung werde bei den geringen Zollerhöhungcn nicht eintreten;aber das Konsumenteninlercsse dürfe nicht mehr allein entscheiden, das Produzcnten-intercssc sei wichtiger. Erst nach und nach wurde Bismarck aus einem Retorsions- einSchutzzöllner. Der neue, mit unzweifelhafter Mäßigung nach einem Entwurf des Central-verbandes deutscher Industrieller von einer Spccialkommission hergestellte Tarifentwursnebst Zollgesetz gelangte mit 336 gegen 217 Stimmen zur Verabschiedung.

Das Zollgesetz vom 15. Juli 1879 enthielt trotz seiner Neigung zu allgemeinerZollpflicht keine Zölle aus die Rohstoffe Baumwolle, Flachs, Hanf, Wolle, Kohle, Häute,nur sehr geringe Gctreidezölle (1 Mk. sür 100 Weizen und Roggen) und sehr mäßigeViehzölle, einen Roheisenzoll von 1 Mk. (wie bis 1870); Eisenhalbfabrikate zahlten22,50, Eisenwaren 7,5015 Mk., Maschinen -i3 Mk.; die Garne und Gewebewurden mehr als bisher specialisiert und in den feinen Nummern erhöht, im ganzenbetrugen sie aber nicht über 1530°/», die Finanzzölle 3075 "/« des Wertes; einKampfzollparagraph gab die Erlaubnis der Erhöhung bis aufs Doppelte bei deutscher Benachteiligung. Mancherlei Erhöhungen hatte der Tarif auch in Deutschland durch diescilschenden Parteien erfahren. Konservative und Zentrum hatten entschieden; aber imganzen hatte auch Bennigsen zugestimmt, der Taris blieb ein mäßiger Schutztarif, weitunter dem der meisten Nachbarstaaten. Die Erhöhungen 1885 und 1887 bezogen sichhauptsächlich aus Holz und Getreide (letzteres auf 3 und 5 Mk- pro 100 lix), warenAntworten auf die österreichisch-ungarischen und russischen Erhöhungen, wenn dieoffiziellen Motive das auch nicht aussprachen.

Die Freihändler und noch mehr das Ausland klagten heftig über die deutsche Veränderung der Handelspolitik; sie war im ganzen doch richtig. Sie sicherte derdeutschen Produktion den damals bedrohten inneren Markt; sie hob die deutschen Zoll-einnahmcn 18771890 von 103 aus 357 Mill. Mk. Auch ihr Gegner Schäffle giebtzu, daß sie eiue gewisse erziehende, kompensierende, krisenmildernde Wirkung gehabt habe.Die Getreide- und Lebensmittelpreisc stiegen unter den neuen Zöllen bis 1887 kaum,erst von da an etwas, aber nicht ganz um den Betrag der Zölle. Die Tonne Weizenkostete 18601880 in Preußen 325 Mk., 18811890 174 (Conrad); die TonneRoggen 18701879 169, 18801889 154 Mk. (Dade). Von einer Verteuerung desLebens war also nicht die Rede, sondern nur von einer kleinen Ermäßigung des Preis-sturzes, wie sie sür die Landwirtschaft notwendig war. Der Taris, wie er 1879 bis1892 beschaffen war, wollte seinen Schutz zu sehr allen Zweigen der Volkswirtschastangedeihen lassen. Einen wesentlichen Aufschwung nahmen 18771892 doch nur diegroßen Hanptindustricn, die in Deutschland längst entwickelt, besondere Vorzüge hatten.Diese organisierten sich unter dem Zollschutze zu Vereinen und Kartellen, stärkten dadurchihre Stellung, fingen an Ausfuhrprämien an die Mitglieder der Verbände zu zahlen.Die Fabrikatenausfuhr litt 18801890 nicht gerade unter dem erhöhten Tarife, abersie nahm doch auch nicht erheblich zu, wesentlich weil überall die Zollschranken stiegenund Deutschland nicht, wie man 1879 wohl erwartet hatte, den neuen Taris zuneuen einschneidenden Tarifverträgen benutzte. Man begnügte sich, mehr und mehrohne Gegengabe als meistbegünstigter Staat an den Tarifverträgen anderer Staaten,hauptsächlich Frankreichs , teil zu nehmen, selbst nur Meistbegünstigungsverträge odersolche mit kleinen Tariskonzessionen, z. B. in Finanzzöllen zu schließen. Bei Bismarck nahm die Neigung, die Zollpolitik ganz autonom zu behandeln, zu, ebenso die, die